Statement von Dr. Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen und Präsident der Ärztekammer Mecklenburg Vorpommern

 

<p">Statement zur Pressekonferenz der Bundesärztekammer „Fehlerhäufigkeiten und Fehlerursachen in der Medizin“ am 17.06.2013 in Berlin</p">

 

(Es gilt das gesprochene Wort) Sehr geehrte Damen und Herren, für uns Ärzte steht die Sicherheit unserer Patientinnen und Patienten immer an erster Stelle. „Primum nil nocere“ - zuallererst keinen Schaden anrichten – dieses ethische Gebot ist so alt wie die Medizin selbst. Die Patienten in Deutschland können darauf vertrauen, dass bei ihrer Behandlung die höchsten Standards angelegt werden und alles unternommen wird, um Fehler zu vermeiden. Wir wissen, dass wir uns dieses Vertrauen ständig neu erwerben müssen. Vertrauen setzt Transparenz voraus - Transparenz auch darüber, was in der medizinischen Versorgung nicht so gelaufen ist, wie wir und unsere Patienten es erhofft haben. Für die meisten Ärztinnen und Ärzte ist es kein Tabu mehr, eigene Fehler einzugestehen. Warum auch? Überall wo Menschen arbeiten passieren Fehler, natürlich auch in der Medizin. Im Übrigen sind das sehr viel weniger, als gemeinhin angenommen wird. Gemessen an der Gesamtzahl der jährlichen Behandlungen, also rund 18 Millionen Krankenhausfälle und etwa 800 Millionen Patient-Arzt-Kontakte,  bewegt sich die Fehlerhäufigkeit im Promillebereich. Aber natürlich ist jeder Fehler einer zu viel. Entscheidend ist deshalb, dass Fehler nicht unter den Tisch gekehrt werden, dass man aus ihnen lernt und dass den betroffenen Patienten schnellstmöglich geholfen wird. Dieser Dreiklang ist auch der Antrieb dafür, dass wir Ihnen nunmehr zum siebten Mal  die jährliche Gesamtstatistik der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern vorstellen. Wir wollen Transparenz schaffen über Fehlerhäufigkeiten und Fehlerursachen in der Medizin. Wir wollen Ihnen darlegen, dass wir die in den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen generierten Daten zu Fortbildung und Fehlerprävention nutzen. Und wir wollen unseren Patientinnen und Patienten die Arbeit unserer Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen näher bringen. Meine Damen und Herren, diese vertrauensbildenden Maßnahmen können buchstäblich mit einem Federstrich zunichte gemacht werden, wenn unsere Bemühungen um Transparenz in unzutreffende Schlagzeilen münden: „Mehr Opfer von Ärztepfusch“, „Statistik zeigt Ärzte-Pfusch“ oder „99 Tote durch Ärzte-Pfusch!“. Wer von Ihnen schon mit Pfusch am Bau zu tun gehabt hat, der weiß, Pfusch ist nichts anderes als eine bewusst nachlässig vorgenommene Arbeit um Kosten zu sparen. Nach Pfusch kommt Vertuschung – genau das wollen wir nicht. Und deshalb machen wir unsere Statistik regelmäßig öffentlich. Eine solche Gleichsetzung von Pfusch und Fehlern ist auch durch keine seriöse Statistik gedeckt. Selbst der Spitzenverband der Krankenkassen, der einer allzu großen Nähe zur Ärzteschaft relativ unverdächtig ist, konstatierte kürzlich bei der Vorstellung seiner Behandlungsfehlerstatistik: Bei vielen Fehlern macht man es sich zu einfach, wenn man sie auf die Unfähigkeit, das Unwissen oder die Nachlässigkeit eines Einzelnen schiebt. Meist ist der Mechanismus komplexer und der Fehler das Ergebnis einer Kette von Versäumnissen.“ Unerwähnt ließen die Kassen allerdings, dass die chronische Unterfinanzierung unseres Medizinbetriebs Behandlungsfehler zumindest begünstigten. Fast drei Viertel der Klinikärzte fühlt sich nach den Ergebnissen einer Befragung des Marburger Bundes durch die Gestaltung der Arbeitszeiten in ihrer Gesundheit beeinträchtigt. Drei Viertel der Ärztinnen und Ärzte arbeitet im Durchschnitt mehr als 48 Stunden pro Woche. Ein Viertel ist pro Woche sogar 60 bis 79 Stunden im Dienst. Wundert es Sie da, dass ein völlig übermüdeter Arzt mitunter unkonzentriert ist oder nicht ausreichend präzise arbeitet? Die Ansprüche der Patienten an die Medizin wachsen, gleichzeitig erhöht sich der ökonomische Druck. Wenn etwas schiefgeht, dann bezahlen die Patienten das im schlimmsten Fall mit ihrem Leben. Aber auch Ärzte bezahlen für ihre Fehler, auch wenn die Fehler aus einer Verkettung unglücklicher Umstände entstehen, und zwar mit ihrer psychischen und emotionalen Gesundheit. In der Fachwelt ist hierfür der Ausdruck vom „Arzt als zweites Opfer“ längst etabliert. Vor allem junge Ärztinnen und Ärzte stehen nach einem vermuteten oder nachgewiesenen Behandlungsfehler unter enormen Druck und können oft nur mit Mühe ihre Tätigkeit fortsetzen. Diese Ärzte  pauschal als „Pfuscher“ zu diskreditieren, ist in einer solchen Situation wenig hilfreich. Die Fälle, die in den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bearbeitet werden, zeigen, dass Komplikationen oder unerwünschte Behandlungsergebnisse eine Fülle von  Ursachen haben können. Neben unzureichender Diagnostik und Therapie, die einen Behandlungsfehler darstellen, führen häufig die Begleiterscheinungen der Krankheit an sich, die auch bei bestem Verlauf nicht zu vermeiden sind, zu Problemen. Mitunter lässt sich auch nicht umgehen, dass die Behandlung des Patienten mit belastenden Nebenwirkungen verbunden ist. Oft vermengen sich die Ursachen für Komplikationen, was die Beantwortung der Frage schwierig macht, ob ein Behandlungsfehler für eine Komplikation ursächlich ist oder nicht. Umso wichtiger ist es, dass die Patientinnen und Patienten bei einem vermuteten Schadensfall nicht allein gelassen werden. Sie sind bei der Aufklärung eines möglichen Behandlungsfehlers auf die ärztliche Expertise angewiesen. Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen sind eine seit fast 40 Jahren bewährte Einrichtung bei den Landesärztekammern, an die sich jeder Patient, der einen Behandlungsfehler vermutet, wenden kann. Es gibt wenige vergleichbare Einrichtungen, die den Patienten ein derartiges Angebot der Begutachtung und Schlichtung unterbreiten. Offenkundig werden unsere Angebote von den Patientinnen und Patientinnen angenommen. So haben sich im vergangenen Jahr  etwas mehr Betroffene  an unsere Einrichtungen gewandt, als in den Vorjahren. Für zusätzliche Aufmerksamkeit für diese Form der außergerichtlichen Streitbeilegung hat zweifellos auch die Diskussion um das Patientenrechtegesetz gesorgt, im Zuge dessen das Bundesgesundheitsministerium explizit auf die Angebote der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen verwiesen hat. Neben den aktuellen Zahlen aus unserer Statistik, die Ihnen Herr Neu vorstellen wird, wollen wir Ihnen heute auch einen Überblick darüber geben, in welcher Weise die von uns erhobenen Daten zur künftigen Fehlervermeidung beitragen können. Seit nunmehr 13 Jahren werden die Ergebnisse der Gutachterkommission und Schlichtungsstellen mit Hilfe des Medical Error Reporting  Systems, kurz MERS, in einer bundesweiten Statistikdatenbank erfasst und ausgewertet. Die Ergebnisse werden von der Ärzteschaft für Fortbildungs- und Qualitätssicherungsveranstaltungen aufbereitet um gezielte Strategien zur Fehlervermeidung zu entwickeln. Dazu wird Prof. Schaffartzik gleich nähere Ausführungen machen. Ganz besonders freue ich mich aber, dass Frau Elisabeth Goetz von der Unabhängigen Patientenberatung Bremen zu uns gekommen ist, um uns zu berichten, welche Erfahrungen Patientinnen und Patienten mit den Möglichkeiten der außergerichtlichen Streitbeilegung der Ärztekammern  gemacht haben. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.