Statement von Dr. Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen und Präsident der Ärztekammer Mecklenburg Vorpommern

Statement zur Pressekonferenz der Bundesärztekammer „Fehlerhäufigkeiten und Fehlerursachen in der Medizin“ am 23.06.2014 in Berlin

(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Damen und Herren,

als wir im vergangenen Jahr an dieser Stelle zusammenkamen, um die Bundesstatistik unserer Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen vorzustellen, hatten wir dies mit der eindringlichen Bitte an Sie verbunden, Behandlungsfehler in der Medizin nicht mit Ärztepfusch gleichzusetzen. Wir Ärzte machen Fehler, wir sind aber keine Pfuscher. Dies vermitteln wir auch unseren Patienten, die durch solche Pauschalverurteilungen natürlich verunsichert werden.

Deshalb hatte ich damals darauf hingewiesen, dass Pfusch nichts anderes ist, als eine bewusst nachlässig vorgenommene Arbeit, um Kosten zu sparen. Nach Pfusch kommt Vertuschung. Wir aber kehren nichts unter den Tisch. Wir machen unsere Fehler seit Jahren öffentlich.

Ich bin sehr froh, dass unsere Bemühungen um Transparenz anerkannt werden. Das haben wir im Wesentlichen auch Ihnen zu verdanken. Die differenzierte Berichterstattung über unsere Behandlungsfehlerstatistik im vergangenen Jahr kam fast ganz ohne das Reizwort „Ärztepfusch“ aus.

Aber woran liegt es, dass Fehler in der Medizin gern als Pfusch bezeichnet werden, während man bei Fehlern zum Beispiel von Fluglotsen eher von menschlichem Versagen spricht? Anders als beim Vorwurf des Pfuschs schwingt hier nicht mit, dass bei dem Fehlerverursacher eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen des eigenen Handelns vorherrscht. Vieleicht liegt das daran, dass sich uns die im Kontrollturm oder im Cockpit verursachten Fehler angesichts der komplexen Prozeduren und der komplizierten Interaktion von Mensch und Maschine nur schwer erschließen. Die Behandlungsabläufe in der Medizin sind zwar nicht weniger Komplex. Wenn wir aber hier von Fehlern sprechen, drängen sich eingängige Bilder von vergessenen Tupfern oder Scheren im Bauch eines Patienten auf. Wir denken an Horrormeldungen über ein verwechseltes  Bein bei einer Amputation oder an das am Krankenbett vertauschte Medikament. Leider passieren solche Fehler und sie müssen natürlich aufgeklärt werden. Sie sind aber äußert selten und stehen nicht beispielhaft für die Fälle, die von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen oder von anderen Einrichtungen bearbeitet werden. Hr. Prof. Schaffartzik wird Ihnen anhand von Fallbeispielen darlegen, wie anspruchsvoll es bei immer  komplexeren Behandlungsabläufen sein kann, die Ursachen von Komplikationen zweifelsfrei festzustellen.

So zeigen die in den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bearbeiteten Fälle,  dass Komplikationen oder unerwünschte Behandlungsergebnisse eine Fülle von  Ursachen in Wechselwirkungen haben können. Und nicht jeder therapeutische Misserfolg ist ein Behandlungsfehler. Häufig führen die Begleiterscheinungen der Krankheit an sich, die auch bei bestem Verlauf nicht zu vermeiden sind, zu Problemen. Mitunter lässt sich auch nicht umgehen, dass die Behandlung des Patienten mit belastenden Nebenwirkungen verbunden ist.

Es gibt Fälle, da sind wir buchstäblich mit unserem Latein am Ende. Wenn es dann zu einem Behandlungsfehler kommt, ist er nicht selten ein Teil von verschiedenen unvermeidbaren Komplikationen, die dann zu einem unerwünschten Gesamtergebnis der Behandlung führen.

Meine Damen und Herren, wenn wir verstehen wollen, wie es zu Fehlern kommt, müssen wir auch das Gesundheitswesen als Ganzes betrachten. So ist die Arbeitsintensität bei weniger zur Verfügung stehenden Arztstunden in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Bedingt durch die demografische Entwicklung stieg die Zahl der ambulanten Behandlungsfälle in Deutschland  zwischen 2004 und 2012 um 136 Millionen auf fast 700 Millionen an. Die Zahl der stationären Fälle erhöhte sich um 1,8 Millionen auf 18,6 Millionen. Überlange Arbeitszeiten und ständiger Leistungsdruck erhöhen natürlich die Fehlerwahrscheinlichkeit. Umso bemerkenswerter ist es, dass, trotz des Anstiegs der Behandlungsfälle insgesamt, die Zahl der festgestellten Fehler in den vergangenen Jahren konstant geblieben ist. Gemessen an der Gesamtzahl der Behandlungsfälle liegt sie im Promillebereich. Ich will nichts relativieren. Jeder Behandlungsfehler ist einer zu viel, aber ich möchte die Dinge einordnen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass mit dem medizinischen Fortschritt und neuen Behandlungsmöglichkeiten auch die Anforderungen an die Arbeit und die Zusammenarbeit der Beteiligten im Gesundheitswesen zunehmen. Verschiedene Professionen sind sektorübergreifend an den zunehmend spezialisierten und hochgradig arbeitsteilig organisierten Prozessen in der Patientenversorgung beteiligt. Die Zusammenarbeit in solch komplexen Systemen, die enorme Arbeitsbelastung und der Druck, im Notfall schnell entscheiden zu müssen, sind nur einige Beispiele für die speziellen Risikokonstellationen im Gesundheitswesen. Folglich stellt der Leitsatz „Primum nil nocere – Zuerst einmal nicht schaden!“ – heute enorm hohe Ansprüche an die Leistung aller Gesundheitsberufe.

Dass Behandlungsdruck auch zu Behandlungsfehlern führen kann, verschweigen die Kostenträger in unserem Gesundheitssystem jedoch gern, wenn sie – wie vor einigen Monaten der AOK-Bundesverband – aus rein politischen Gründen Stimmung gegen Ärztinnen und Ärzte machen wollen. Mit kernigen Aussagen versuchte der Kassenverband den Eindruck zu erwecken, er verfüge über belastbare Gesamtzahlen zur Behandlungsfehlerhäufigkeit in Deutschland.  In Wahrheit handelte es sich um Hochrechnungen auf Grundlage von Uraltschätzungen aus dem Ausland. Auffällig war auch, dass die AOK nicht einmal die vom Medizinischen Dienst des GKV-Spitzenverbandes ermittelten Behandlungsfehlerzahlen erwähnte. Diese beruhen nämlich genau wie unsere Zahlen nicht auf Schätzungen, sondern auf Fälle, die tatsächlich bearbeitet wurden. Die MDK-Erhebung deckt sich im Wesentlichen mit unserer Statistik.

Meine Damen und Herren, statt Patienten mit solchen politisch motivierten Kampagnen zu verunsichern, sollten wir Ihnen in Krisensituationen zur Seite stehen und ihnen bei einem Schadensfall zu ihrem Recht verhelfen. Patienten sind bei der Aufklärung eines möglichen Behandlungsfehlers auf die ärztliche Expertise angewiesen. Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen sind bewährte Einrichtungen bei den Landesärztekammern, an die sich jeder Patient, der einen Behandlungsfehler vermutet, wenden kann. Es gibt wenige vergleichbare Einrichtungen, die den Patienten ein derartiges Angebot der Begutachtung und Schlichtung unterbreiten. Ich freue mich ganz besonders, dass wir heute den renommierten  Patientenanwalt Herrn Frank Teipel zu Gast bei uns haben. Er wird Ihnen erläutern, wie Patienten die außergerichtliche Streitbeilegung der Ärztekammern nutzen können, welche Erfahrungen Patienten mit den Einrichtungen gemacht haben und wie es für sie nach erfolgter Gutachtenerstellung weitergeht.

Aber zunächst wird Herr Neu die aktuellen Zahlen der Behandlungsfehlerstatistik vorstellen und diese für uns einordnen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.