Statement Dr. Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen und Präsident der Ärztekammer Mecklenburg Vorpommern

Statement zur Pressekonferenz der Bundesärztekammer „Fehlerhäufigkeiten und Fehlerursachen in der Medizin“ am 15.06.2015 in Berlin

(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Damen und Herren,

wer schon einmal in einem Krankenhaus gelegen hat, kann zumindest erahnen, welchem Dauerstress die Ärzte dort ausgesetzt sind. 24-Stunden-Marathon-Dienste, kaum Ruhezeiten, 60-Stunden-Wochen und Überstunden ohne Ende. Das ist der Alltag in vielen Kliniken und auch in den Praxen unserer niedergelassenen Kollegen sieht es nicht besser aus. Eine Erklärung dafür liefert die Statistik: Bundesweit ist die Arbeitsintensität bei weniger zur Verfügung stehenden Arztstunden in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Bedingt durch die demografische Entwicklung stieg die Zahl der ambulanten Behandlungsfälle in Deutschland  zwischen den Jahren 2004 und 2013 um 157 Millionen auf fast 700 Millionen an. Die Zahl der stationären Fälle erhöhte sich zwischen 2004 und 2012 um 1,8 Millionen auf 18,6 Millionen. Kein Wunder also, dass Ärzte und Pflegekräfte am Limit arbeiten – und manchmal auch ein Stück darüber hinaus.

Diese enorme Arbeitsbelastung und der Druck, im Notfall schnell entscheiden zu müssen, sind nur einige Beispiele für die speziellen Risikokonstellationen im Gesundheitswesen. Folglich bedeutet der Leitsatz „Primum nil nocere – Zuerst einmal nicht schaden!“ – heute enorm hohe Ansprüche an die Leistung aller Gesundheitsberufe.

Wir tun alles dafür, dass es unter diesen Arbeitsbedingungen nicht zu Fehlern in Diagnostik und Therapie kommt. Wir erfassen zu Fortbildungszwecken und zur Fehlerprävention die bei den Gütestellen der Ärztekammern registrierten Behandlungsfehlerdaten mit Hilfe des Medical Error Reporting Systems. Ärztinnen und Ärzte können zudem sogenannte Beinahefehler anonym melden. Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung stellen hierfür seit zehn Jahren mit CIRSmedical ein offenes, anonymes, bundesweit frei zugängliches Berichts- und Lernsystem zur Verfügung, das vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin betrieben wird. Auch unsere vielfältigen Aktivitäten in der Qualitätssicherung, zum Beispiel sogenannte Peer-Review-Verfahren, tragen zur Fehlervermeidung bei. Darüber hinaus melden  Ärzte Arzneimittelnebenwirkungen an die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Prof. Schaffartzik wird Ihnen gleich die vielfältigen Möglichkeiten der ärztlichen Fehlerprophylaxe darlegen.
Vor allem aber engagieren wir uns für einen transparenten Umgang mit Behandlungsfehlern. Denn entscheidend ist, dass Fehler nicht unter den Tisch gekehrt werden und man aus ihnen lernt. Das ist auch der Antrieb dafür, dass wir Ihnen nunmehr zum neunten Mal die jährliche Gesamtstatistik der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern vorstellen. Frau Kerstin Kols, Nachfolgerin von Johann Neu als Geschäftsführerin der Norddeutschen Schlichtungsstelle, wird Ihnen gleich die Zahlen für das Statistikjahr 2014 präsentieren.

Meine Damen und Herren, wir sind natürlich froh, dass sich die Zahl der festgestellten Fehler im Vergleich zu den Gesamtbehandlungszahlen allenfalls im Promillebereich bewegt. Gleichwohl wissen wir, dass hinter diesen Zahlen immer auch Menschen stehen. Die Ärzteschaft ist sich ihrer Verantwortung darüber bewusst, dass den Betroffenen  schnell und professionell geholfen werden muss – medizinisch, seelisch und mitunter auch rechtlich.

Zur medizinischen Hilfe muss ich nicht viel sagen. Dass wir alles daran setzen, die gesundheitlichen Folgen eines Behandlungsfehlers zu heilen, versteht sich von selbst.

Aber was ist mit dem seelischen Leid, das ein Behandlungsfehler auslösen kann? Es ist hinlänglich bekannt, dass bei unerwünschten Ereignissen und Behandlungsfehlern eine gute Kommunikation und ein professioneller Umgang mit den Betroffenen von besonderer Bedeutung sind. Wir unterstützen Ärzte deshalb dabei, nach einem Fehler schnell das Gespräch mit den betroffenen Patienten zu suchen, damit zu den körperlichen Beeinträchtigungen nicht auch noch psychische Traumata kommen. Wir machen Ärzten Mut, sich  ihren Patienten zuzuwenden, sie lückenlos über die Ereignisse aufzuklären und sie in weitere Entscheidungen einzubinden. Und wir geben ihnen konkrete Hinweise, wie die Gespräche vorbereitet, geführt und auch dokumentiert werden sollten.

Leicht sind solche Gespräche dennoch nicht. Das Gefühl, einem Menschen durch eigenes Tun geschadet zu haben, ist fast unerträglich - auch wenn der Fehler aus einer Verkettung unglücklicher Umstände entstanden ist. Hinzu kommt die Angst vor Stigmatisierung. Wer Fehler macht ist inkompetent und unzuverlässig, also ein Pfuscher, heißt immer wieder. Doch Pfusch beinhaltet immer  eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen des eigenen Handelns. Das kann man doch nicht allen Ernstes Ärzten vorwerfen, denen ein Fehler unterlaufen ist.

Ich habe es hier schon einmal gesagt und ich bleibe dabei: Wer einen solchen Unsinn verbreitet, konterkariert all unsere Bemühungen um einen offenen Umgang mit Behandlungsfehlern. Mich stimmt aber hoffnungsfroh, dass Ihre Berichterstattung über unsere Behandlungsfehlerstatistik in den vergangenen Jahren fast ganz ohne das Reizwort „Ärztepfusch“ auskam.

Meine Damen und Herren, kommen wir zum dritten wichtigen Verantwortungsbereich der Ärzteschaft in diesem Kontext, der rechtlichen Hilfestellung. Patienten sind bei der Aufklärung eines möglichen Behandlungsfehlers auf die ärztliche Expertise angewiesen. Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen sind bewährte Einrichtungen bei den Landesärztekammern, an die sich jeder Patient, der einen Behandlungsfehler vermutet, wenden kann. Es gibt wenige vergleichbare Einrichtungen, die den Patienten ein derartiges gebührenfreies Angebot der Begutachtung und Schlichtung unterbreiten. Die Entscheidungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen werden in rund 90 Prozent der Fälle von beiden Parteien akzeptiert und die Arzthaftungsstreitigkeiten beigelegt. Wenn der Patient oder Arzt mit der Entscheidung der Gutachterkommission oder Schlichtungsstelle nicht einverstanden ist, kann er den Rechtsweg beschreiten. Meistens werden die Gutachten der Kommissionen vor Gericht jedoch bestätigt.

Welche Erwartungen Patientinnen und Patienten an ein Schlichtungsverfahren haben und welche Erfahrungen sie mit unseren Gütestellen gemacht haben, wird uns heute Herr Gottfried Wasmuth berichten. Herr Wasmuth ist Patientenvertreter der Norddeutschen Schlichtungsstelle. Ich freue mich sehr, lieber Herr Wasmuth, dass Sie heute bei uns sind.

Aber zunächst wird Frau Kols die aktuellen Zahlen der Behandlungsfehlerstatistik vorstellen und diese für uns einordnen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.