Akademien 12.01.2016

Akademien der Bundesärztekammer im Dialog: Wann ist weniger Medizin mehr - gemeinsam klug entscheiden!

Wann ist weniger mehr, welche Therapie ist wirklich wichtig und wie können Patienten bei der Auswahl geeigneter Behandlungswege besser eingebunden werden? Mit diesen und weiteren Fragen haben sich Haus- und Fachärzte am 9. Januar 2016 auf der Veranstaltung „Akademien der Bundesärztekammer im Dialog“ befasst. „Im Kern geht es darum, wie wir kluge Entscheidungsstrategien entwickeln können, um die Versorgung der Patientinnen und Patienten zu verbessern“, sagte Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery zur Eröffnung der Veranstaltung. „Und das wollen wir interdisziplinär, kollegial und sektorenübergreifend machen.“

Bei der Veranstaltung der Bundesärztekammer (BÄK) beschäftigten sich die Teilnehmer mit den Themen Multimorbidität und Polypharmazie sowie mit der von Fachgesellschaften ins Leben gerufene Initiative „Klug entscheiden“. Dr. Max Kaplan, Vize-Präsident der Bundesärztekammer, wies darauf hin, dass die enormen Leistungen der Medizin Hoffnungen geweckt haben, die nicht immer und überall erfüllt werden können. „Wir Ärzte sollten nicht versucht sein, diese übermäßigen Ansprüche durch nicht-zwingend indizierte Behandlungen kompensieren zu wollen. Das wäre berufsethisch nicht zu vertreten und bei kontraindizierter Behandlung sogar rechtlich verwerflich.“ Hinzu komme, dass der Minimierung des Patientenrisikos eine Maximierung des ärztlichen Haftungsrisikos gegenüberstehe. „Durch diese Verrechtlichung der Medizin besteht die Gefahr, dass sich eine Defensiv-Medizin entwickelt, die zu Überdiagnostik führen kann.“ Die medizinische Indikation müsse deshalb ein gut begründbares fachliches Urteil des behandelnden Arztes darstellen, damit das mit dem Patienten gemeinsam festgelegte Behandlungsziel erreicht wird, so Kaplan.

Auch Prof. Dr. Jost Steinhäuser vom Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, betonte in seinem Referat die Notwendigkeit, Patienten in die Entscheidungsfindung stärker einzubeziehen. „Wir müssen wegkommen von einem krankheitszentrierten Ansatz hin zu einem individuell maßgeschneiderten Entscheidungsprozess“, forderte er. Hilfreich seien hierfür spezielle Kommunikationskurse für Ärzte, in denen sie unter anderem die partizipative Entscheidungsfindung trainieren können.

Prof. Dr. Gerd Hasenfuß, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), erläuterte auf der Tagung die Zielsetzung der Initiative von wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften „Klug entscheiden“. Die Initiative orientiere sich an der internationalen Kampagne „choosing wisley“, im Rahmen derer sich seit 2011 zahlreiche Wissenschaftliche Fachgesellschaften mit dem Thema unnötiger oder sogar schädlicher medizinischer Leistungen beschäftigen und Empfehlungen zu verschiedenen Bereichen abgeben. Die Auswahl der anzusprechenden Gesundheitsfragen und die Entwicklung der Empfehlungen obliege den einzelnen Fachgesellschaften. 2016 sollen die ersten evidenzbasierten und auch mit anderen Berufsgruppen abgestimmten Empfehlungen veröffentlicht werden. Sie sollen als Entscheidungsgrundlage dafür dienen, welche Diagnostik und Behandlung vorgenommen wird. Ob sie im konkreten Fall anwendbar sind, müssen Arzt und Patient im Gespräch miteinander ermitteln. Die Empfehlungen sollen auch einer Unterversorgung entgegenwirken, etwa wenn Ärzten genügend Zeit für die Patienten-Aufklärung über Behandlungsalternativen fehlt.

„Nur eine wirklich gute Indikation führt zu einem guten Behandlungsergebnis. Leider steht heute noch zu häufig das medizinisch Machbare im Vordergrund. Untersuchungsmethoden müssten vielmehr evidenzbasiert, ressourcenbewusst und ethisch fundiert ausgewählt werden", sagte Hasenfuß.

Die Dialogveranstaltung der Bundesärztekammer sei Teil eines Konzeptes der BÄK, mit dem die Arbeit der Deutschen Akademie für Allgemeinmedizin und die der Akademie der Gebietsärzte noch intensiver miteinander verzahnt werden soll, sagte BÄK-Vizepräsidentin Dr. Martina Wenker. Auf diese Weise solle versorgungsrelevanten Themen ein größeres politisches Gewicht mit entsprechender öffentlicher Wirkung und Einfluss verliehen werden. „Wir setzen auf Verzahnung, statt auf Sektionierung. Die Tagung könnte der Aufschlag für mögliche Folgeveranstaltungen sein, sofern der nächste Deutsche Ärztetag dies befürwortet“, so Wenker.