Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung 27.03.2015

BÄK veröffentlicht Stellungnahme

„Wir brauchen in unserer Gesellschaft mehr Verständnis für Menschen mit seltenen Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung.“ Das forderte Dr. Heidrun Gitter, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer (BÄK), anlässlich der Veröffentlichung einer BÄK-Stellungnahme zu den „Disorders of Sex Development“ (DSD). Bei den von DSD Betroffenen handelt es sich um Menschen, deren biologisches Geschlecht nicht eindeutig den Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ zuzuordnen ist.

„Insbesondere die Gleichsetzung von DSD mit Fehlbildung oder Krankheit ist nicht angemessen“, erklärte Gitter. Um die Lage der Betroffenen zu verbessern, sei eine spezielle medizinische Kompetenz, ein hoher Wissens- und Kenntnisstand der Betroffenen und die Unterstützung durch eine aufgeklärte Gesellschaft gleichermaßen gefragt. Vor diesem Hintergrund begrüßte sie ausdrücklich die Initiative der Bundesregierung, sich in einer interministeriellen Arbeitsgruppe mit dieser wichtigen Thematik zu befassen.

Über Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung hat sich sowohl in der Öffentlichkeit als auch innerhalb der Ärzteschaft eine intensive Diskussion entwickelt. Medizinische Maßnahmen bei DSD berühren grundlegende, die Person in ihrem Wesenskern betreffende Eigenschaften und beinhalten biologische ebenso wie soziale, kulturelle und persönliche Aspekte. So stelle die Beratung und Behandlung von Menschen mit DSD eine große Herausforderung dar, heißt es dazu in der Stellungnahme. Es seien unterschiedliche und zum Teil gegenläufige Aspekte zu beachten und zu gewichten, um angesichts der komplexen Fragestellungen die für die jeweilige individuelle Situation geeignete Vorgehensweise zu entwickeln.

Während ein Teil der Betroffenen mit der bisherigen medizinischen Betreuung zufrieden ist, wird von einem anderen Teil die in der Vergangenheit insbesondere bei Kindern mit Varianten/Störungen der sexuellen Geschlechtsentwicklung praktizierte frühe medizinisch-chirurgische Intervention heftig kritisiert. Diese Kontroverse, die auch von den Medien aufgegriffen wurde, hat nicht nur bei den Eltern betroffener Kinder und Jugendlicher und bei erwachsenen Betroffenen, sondern auch innerhalb der Ärzteschaft zu Verunsicherungen geführt.

Vor diesem Hintergrund hat sich ein interdisziplinärer Arbeitskreis des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer ausführlich und kritisch mit dem derzeitigen Stand der medizinischen Wissenschaft bei der Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit DSD auseinandergesetzt. Die Experten fordern unter anderem eine bessere Vernetzung und Kompatibilität der bestehenden Versorgungsangebote, eine Stärkung der Beratung sowie die Bildung von Kompetenzzentren.

Die Stellungnahme der Bundesärztekammer soll zu einer Versachlichung der öffentlichen Debatte beitragen und allen, die sich mit Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung in Klinik und Praxis beschäftigen, einen soliden Hintergrund für ihr Denken und Handeln auf der Basis des aktuellen Standes der medizinischen Wissenschaft geben.

Stellungnahme der Bundesärztekammer „Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development, DSD)“ [PDF]  
(30.01.2015)

Anlässlich der Veröffentlichung der Stellungnahme hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Aktuellmeldung herausgegeben:

http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=214618.html