Deutsches Ärzteblatt, Heft 9/2014 26.02.2014

Kommentar: Die sicherste Diagnose

Von Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Es ist die Urangst des Menschen: lebendig begraben zu werden oder fälschlicherweise für tot erklärt und der Organe beraubt zu werden. Obwohl es statistisch gesehen extrem unwahrscheinlich ist, ein solches Schicksal zu haben, ist diese Urangst für einige Menschen ein Grund, keinen Organspendeausweis auszufüllen. Eine Entscheidung, die – wenngleich sie nicht rational ist – akzeptiert werden muss.

Vor kurzem erhielt diese Urangst neuen Nährboden: In deutschen Kliniken werde des Öfteren der Hirntod falsch diagnostiziert, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“. Genannt wurden acht Fälle, bei denen es zwischen 2011 und 2013 zu Fehlern bei Teilschritten der Hirntoddiagnostik kam. Ärzte würden die Richtlinien nicht genau genug befolgen und – auf Formfehler angesprochen – teilweise auch noch uneinsichtig, arrogant und schnippisch reagieren. Für viele Ärztinnen und Ärzte, die täglich um das Leben ihrer Patienten kämpfen und versuchen, sensibel mit dem Leiden von Angehörigen umzugehen, sind diese Vorwürfe wie ein Schlag ins Gesicht. Für die Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, möglicherweise tödlich.

Man werde einen langen Atem brauchen, um nach den Skandalen in der Transplantationsmedizin 2012 und 2013 wieder Vertrauen aufzubauen, sagte Dr. Rainer Hess, Vorstand der Stiftung Organtransplantation (DSO), bei der Vorstellung der rückläufigen Organspendezahlen im Januar. Die Hoffnung auf einen baldigen Aufwärtstrend kann man nun wohl zunächst begraben. Das Vertrauen ist erneut erschüttert, und zwar am empfindlichsten Punkt.

Denn der Hirntod ist für liebende Angehörige, die ihren Partner, ihre Eltern oder Kinder wie schlafend vorfinden, sowieso schwer zu akzeptieren. Wie sollen sie an kranke Mitmenschen denken und zu einer Spende bereit sein, wenn Zweifel an der Diagnose bestehen? Dass die Diagnose Hirntod die sicherste überhaupt ist, dass die Bundesärztekammer strenge Richtlinien entwickelt hat, nach denen zwei qualifizierte und in der Hirntoddiagnostik erfahrene Intensivmediziner unabhängig voneinander den Hirntod anhand von definierten Tests feststellen, dass diese Diagnose hundertprozentig ist – darauf müssen schockierte, trauernde Angehörige vertrauen können.

Die Bemühungen der DSO, mit einer sofortigen Stellungnahme zu dem Zeitungsartikel das Vertrauen wiederherzustellen, sind richtig und wichtig. Die acht erwähnten Fälle schlüsselt sie auf: In keinem Fall war es zu einer Organentnahme nach einer zu Unrecht gestellten Diagnose Hirntod gekommen. „Es spricht somit für die Effektivität des in den Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes vorgeschriebenen Verfahrens, dass eine Fehldiagnose in der Erstuntersuchung durch die vorgeschriebene Zweituntersuchung korrigiert werden konnte“, erklärt der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery.

Trotzdem wird der Hirntoddiagnostik der Verdacht einer möglichen Fehlerhaftigkeit erfahrungsgemäß leider zunächst anhaften bleiben. Entgegenwirken können dem nur strenge, ständig dem wissenschaftlichen Stand angepasste Richtlinien, eine gleichbleibend hohe Qualifikation der Ärzte und der Transplantationskoordinatoren sowie eine von Vertrauen geprägte Sicherheitskultur, die Beinahefehler offen und positiv diskutiert und so tatsächliche Fehler ausschließt. Der Hirntod muss in der Tat die sicherste Diagnose sein.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann ist Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik beim Deutschen Ärzteblatt.

Der Artikel ist auch unter http://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=155925 abrufbar.