Ökonomisierung 08.11.2017

Montgomery: "Es darf keine Stückzahl-Mentalität geben"

Berlin - Zu der Studie „Die Ökonomisierung patientenbezogener Entscheidungen im Krankenhaus“ von Prof. Karl-Heinz Wehkamp und Prof. Heinz Naegler erklärt Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery: „Die Politik hat seit Anfang der Neunziger Jahre den Preiswettbewerb in unserem Gesundheitswesen forciert. Die Folgen sind für Ärzte tagtäglich spürbar, etwa wenn sie von Klinik- und Kostenträgern dazu angehalten werden, primär in ökonomischen Dimensionen zu denken und nach rein betriebswirtschaftlichen Vorgaben zu handeln. Sie geraten in einen Zielkonflikt, denn sie müssen einerseits ihren berufsethischen Pflichten genügen, die sich auch in der ärztlichen Berufsordnung widerspiegeln, anderseits aber auch wirtschaftliche Rentabilitätsziele erreichen, die ihnen durch die Sozialgesetzgebung vorgegeben werden. Zu Recht fordern die Studienautoren, dieses Dilemma zu enttabuisieren und die wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Steuerungskonzepte zu verändern.

Für die Studie wurden 22 Ärzte und 21 Geschäftsführer interviewt. Wenig überraschend verwiesen die Geschäftsführer auf die erforderliche Gewinnorientierung und betonten, keinen direkten Einfluss auf ärztliche Entscheidungen zu nehmen. Ganz anders die Aussagen der Ärzte: Sie berichteten von wachsendem und mittlerweile alltäglichem Druck, betriebswirtschaftliche Interessen bei patientenbezogenen Entscheidungen zu berücksichtigen. Arbeitsverdichtung, Zeitknappheit und Stress wirkten sich auf die Qualität der Entscheidungen und der sie vorbereitenden Prozesse aus. So entstünden Risiken für Personal und Patienten, lautet der besorgniserregende Befund der befragten Mediziner.

Die Ärzteschaft hat deshalb immer wieder gefordert, dass sich die Ökonomie am Primat des Patientenwohls und an Qualitätskriterien ausrichten muss. Das fängt mit der Reform des unflexiblen Fallpauschalensystems an. Kliniken in dünn besiedelten Regionen können sich aus den DRG-Vergütungen kaum mehr kostendeckend finanzieren, was sich mehr und mehr auch auf das verfügbare Personal auswirkt. Die Ärzteschaft lehnt den 100-Prozent-Ansatz des deutschen Fallpauschalensystems ab. Wir brauchen eine Vergütungssystematik, die an den individuellen Bedürfnissen der Patienten ausgerichtet ist. Notwendig sind für Krankenhäuser und Kostenträger mehr Ermessensspielräume bei ihren Budgetverhandlungen, damit die Sicherstellung der wohnortnahen Krankenhausbehandlung in strukturschwachen Gebieten ebenso berücksichtigt werden kann wie die Finanzierung von Extremkostenfällen. Ebenso dringender Reformbedarf besteht bei der Investitionsförderung durch die Bundesländer. Die Investitionsmittel sind seit 1991 um rund 30 Prozent gesunken. Das daraus entstandene Defizit beläuft sich bundesweit auf mehr als 30 Milliarden Euro. Krankenhäuser sind deshalb gezwungen, Gelder aus der Betriebsfinanzierung zur Abdeckung unaufschiebbarer, investiver Maßnahmen zu verwenden. Diese Mittel fehlen in der Patientenversorgung.

Deutsche Ärztetage haben aus diesen Gründen mehrfach klargestellt, dass medizinische Einrichtungen im stationären wie im ambulanten Bereich Instrumente benötigen, die eine ärztliche Mitverantwortung für die Betriebsführung stärker berücksichtigen. Darauf verweisen auch die Studienautoren, die eine Intensivierung der krankenhausinternen Kommunikation und eine stärkere Beteiligung der Ärzte an der Weiterentwicklung der Leistungs- und Ressourcenplanung fordern. Nur so kann sichergestellt werden, dass sich ärztliche Leistungen und deren Honorierung ausschließlich an ihrer medizinischen Sinnhaftigkeit orientieren und dass bei der Wahl der Behandlungsmethode nicht die Kosten, sondern der Nutzen für den Patienten ausschlaggebend sind. Es darf keine "Stückzahl-Mentalität" in unserem Gesundheitswesen geben.

Wir haben es schon oft gesagt und wir bleiben dabei: Patienten sind keine Kunden und Ärzte keine Kaufleute."