Versorgungsforschung 15.12.2015

Montgomery: Versorgungsforschung politisch anerkannt

Experten diskutieren Erwartungen und Perspektiven für das Zusammenwirken von Wissenschaft und Gesundheitspolitik

Berlin - „Mittlerweile hat die Politik die Versorgungsforschung entdeckt“, sagte Prof. Dr. Frank-Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), auf dem Symposium „Zwischen Wissenschaft und Gesundheitspolitik: Instrumente der ärztlichen Selbstverwaltung für eine evidenzbasierte, sichere und effiziente Patientenversorgung“, das die BÄK im Rahmen ihrer Initiative zur Versorgungsforschung organisiert hat. Mit der Implementierung des Innovationsfonds durch das Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-VSG) werde die Bedeutung der Versorgungsforschung als Instrument der Gesundheitssystemanalyse nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch anerkannt, so Montgomery. Prof. Dr. Thomas Mansky von der Technischen Universität Berlin unterstrich die Bedeutung der Versorgungsforschung für eine Sicherstellung des aktuellen Leistungsniveaus im deutschen Gesundheitswesen und gab zu bedenken: „Versorgungsforschung muss auch und gerade umstrittene Fragen im Gesundheitswesen ansprechen und damit unbequem sein.“

Die Erwartungen der Politik an dieses Instrumentarium fasste Dr. Regina Klakow-Franck, Unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), zusammen: „Die Versorgungsforschung soll den G-BA im Sinne eines wissenschaftsbasierten Entscheidungsmanagements befruchten.“ Als wichtige Voraussetzung für den Erfolg der im Rahmen des Innovationsfonds geförderten Forschungsvorhaben nannte sie die Fokussierung der Versorgungsforschung auf den konkreten Weiterentwicklungsbedarf in der Regelversorgung sowie die Einbettung der Einzelprojekte in ein Rahmenkonzept, mit dem die Umsetzung prioritärer Versorgungsziele strategisch verfolgt werden kann. Da der notwendige Strukturwandel nicht allein Wissen, sondern eine Verhaltensänderung der verschiedenen Akteure voraussetze, solle Versorgungsforschung sich nicht ausschließlich als Datenlieferant verstehen, sondern stärker als in der Vergangenheit sich auch für sozialwissenschaftliche Methoden öffnen und organisationales Lernen unterstützen, so Klakow-Franck.

Die Vertreter aus Wissenschaft, Politik und ärztlicher Selbstverwaltung diskutierten darüber hinaus über Richt- und Leitlinien als Instrumente für eine evidenzbasierte, sichere und effiziente Patientenversorgung. So legte Prof. Dr. Rolf Kreienberg, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF), am Beispiel der Brustkrebstherapie dar, welche hochsignifikante Outcome-Verbesserung durch eine leitlinienkonforme Therapie erreicht werden könne. „An diesem Beispiel zeigt sich, dass eine nicht leitlinienkonforme Therapie einen Überlebenszeitverlust von bis zu 30 Prozent bedeuten kann.“ Ein großes Potential für die Versorgungsforschung sieht Kreienberg in der Leitlinienevaluation. Der Präsident der Ärztekammer Berlin, Dr. Günther Jonitz, befasste sich mit den Grundpfeilern der ärztlichen Selbstverwaltung und ihren Zielgrößen, dem Patienten- und Gemeinwohl. „Mittlerweile hat sich die evidenzbasierte Medizin als grundlegendes Element in der Führungsstrategie der ärztlichen Selbstverwaltung entwickelt“, sagte Jonitz. Dies zeige sich u. a. dadurch, dass die Ärzteschaft nicht nur ihrem gesetzlichem Auftrag zur Richtlinienerstellung nachkomme, sondern darüber hinaus eine beachtliche Zahl an Leitlinien auf freiwilliger Initiative erstelle.

In der abschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Akteure aus dem Gesundheitswesen unter Beteiligung von Lutz Stroppe, Staatssekretär des Bundesministeriums für Gesundheit, die Erwartungen und Perspektiven für das Zusammenwirken von Wissenschaft und Gesundheitspolitik. Dabei bestand Einigkeit darin, dass politische Entscheidungen auf der Basis einer guten wissenschaftlichen Evidenz getroffen werden sollten und dass der Versorgungsforschung eine wichtige Rolle bei der Gesundheitssystemsteuerung zukomme. Die Experten warnten vor einer Verschlechterung der Forschungsbedingungen in Deutschland. Sie plädierten sowohl für eine Stärkung der Universitätsmedizin mit ihren drei Säulen Forschung, Lehre und Versorgung wie auch für einen intensiveren Dialog mit der Politik zu methodischen und strukturellen Fragen. Ziel müsse es sein, das Gesundheitssystem im Dialog von Wissenschaft und Forschung als „lernendes System“ auszurichten.

Ausgerichtet wurde das Symposium zu Ehren von Prof. Dr. Dr. Peter Scriba, langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, der im August dieses Jahres seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Peter Scriba verkörpert die Mittlerfunktion zwischen Wissenschaft und Gesundheitspolitik in besonderem Maße. Die anwesenden Kollegen, Weggefährten und Schüler unterstrichen auf eindrucksvolle Weise sein herausragendes Engagement als Arzt und Wissenschaftler, der sich in unterschiedlichen Positionen für die kontinuierliche Verbesserung der Versorgungsqualität einsetzt.