Gemeinsame Pressemitteilung 02.07.2014

Psychotherapeutische Versorgung – Ohne Ärzte geht es nicht

Berlin / Hannover, 02. Juli 2014

„Psychische Erkrankungen werden immer mehr zu einer Herausforderung für die Gesundheitsversorgung. Sie verursachen nicht nur menschliches Leid, sondern auch erhebliche direkte und indirekte Kosten, zum Beispiel bei Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsminderungsrenten.“ Das sagte Dr. Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK) und Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN), zum Auftakt des Symposiums „Die spezifischen Rolle der ärztlichen Psychotherapie“ am 28. Juni 2014 in Hannover. BÄK und ÄKN hatten zahlreiche Experten eingeladen, die auf Grundlage von aktuellen Studienergebnissen sowie der von der Bundesärztekammer in Auftrag gegebenen Expertisen zur spezifischen Rolle der ärztlichen Psychotherapie die Versorgungssituation in diesem Bereich diskutierten. „Mit diesem Symposium wollen wir eine Standortbestimmung der ärztlichen Psychotherapie vornehmen und Alleinstellungsmerkmale ärztlicher Psychotherapie aufzeigen“, betonte Wenker.

„Die spezifisch ärztliche Form der Behandlung psychisch Kranker liegt in ihrer Kompetenz, ein individuelles Gesamtkonzept für den einzelnen Patienten anbieten zu können. Ohne Ärzte ist eine gute psychotherapeutische Versorgung deshalb nicht denkbar“, sagte Dr. Cornelia Goesmann, Beauftragte des Vorstandes der Bundesärztekammer für Fragen der ärztlichen Psychotherapie. Notwendig sei ein breit gefächertes Beratungsangebot. Wir brauchen mehr Gruppentherapie, mehr Krisenintervention und mehr Beratungsgespräche. Solche Maßnahmen müssten von den Kostenträgern aber auch finanziert werden. Dabei könne auf ein sehr breit gestuftes ärztliches psychotherapeutisches Angebot zurückgegriffen werden, das von der Psychosomatischen Grundversorgung durch den Hausarzt bis hin zur fachärztlichen psychiatrischen, psychosomatischen und  psychotherapeutischen Versorgung reiche.

Prof. Dr. Johannes Kruse, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, verwies darauf, dass körperliche Beschwerden in mehr als 50 Prozent der Fälle Ursachen für eine ambulante Psychotherapie sind.  Im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung untersuchte er die ambulante vertragsärztliche psychotherapeutische und psychosomatischen Versorgung. Sein Befund: Der Versorgungsbedarf ist nicht ausreichend gedeckt. Die Gründe für die mangelnde  oder späte Inanspruchnahme seien vielfältig. Mitunter lägen sie bei den Patienten selbst, die etwa aus Angst vor Stigmatisierung oder aus kulturellen Gründen den Gang in die Praxis scheuten. Es fehle offenbar aber auch an niederschwelligen psychosomatischen und psychotherapeutischen Angeboten.

Der Versorgungsforscher Dr. Heiner Melchinger bezweifelt, dass die Hilfe immer an der richtigen Stelle ankommt:  Nicht jeder, der eine Psychotherapie dringend braucht, bekomme sie. Gerade die Patienten, die am wenigsten in der Lage wären, ihr Leben selbst zu organisieren, blieben weitgehend ausgeschlossen.

Alte Menschen seien in der psychotherapeutischen Versorgung unterrepräsentiert, hob Dr. Reinhard Lindner vom Zentrum für psychische Gesundheit in Hamburg hervor. Ärzte hätten eine besondere psychotherapeutische Kompetenz, um die körperlichen und psychischen Probleme Älterer zu erkennen, zu verstehen und angemessen zu behandeln.

Ähnliches gilt für Suchtkranke. Trotz guter Therapiemöglichkeiten würden die typischen psychischen Begleiterkrankungen der Sucht wie Depressionen, Persönlichkeits- oder Angststörungen zu selten behandelt, sagte Dr. Christoph von Ascheraden, Vorsitzender des Ausschusses „Sucht und Drogen“ der Bundesärztekammer. Dabei sei nach suchtmedizinischer Erfahrung gerade bei instabilen Patienten eine Therapie mit allen geeigneten Behandlungsmethoden erforderlich.

Patienten mit funktionellen körperlichen Beschwerden und Patienten mit chronischen körperlichen Erkrankungen würden vom aktuellen Versorgungssystem nicht ausreichend erreicht, so Prof. Wolfgang Herzog von der Universität Heidelberg. Gerade bei diesen Störungen komme es vielfach zu einer Fehlversorgung, die das Gesundheitssystem, aber auch die Betroffenen extrem belaste.

Ein geeigneter Ansatz könnte das Vier-Ebenen-Modell ärztlich-psychotherapeutischer Kompetenzen sein, das Prof. Dr. Gereon Heuft von der Universität Münster vorstellte. Es soll die psychosomatischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Kompetenzen schon im Medizinstudium, aber auch auf Facharztebene stärken. Psychosomatikern und Psychotherapeuten bliebe dann mehr Zeit für die Therapie schwerer psychischer Störungen.

Vor dem Hintergrund des Ärztemangels und der großen Zahl von Hilfesuchenden forderte Prof. Dr. Sabine Herpertz vom Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg eine Neustrukturierung des ambulanten Behandlungsangebots. Die derzeitige Struktur der Richtlinientherapie müsse durch eine Akutversogung auch im Rahmen der ärztlichen Sprechstunde ergänzt werden, um den Bedürfnissen psychisch Kranker in der Breite und in ihrer Unterschiedlichkeit gerecht zu werden, forderte sie.