Empfehlungen zum Einsatz antiviraler Arzneimittel für die Postexpositions- und Langzeitprophylaxe während einer Influenzapandemie

(Deutsches Ärzteblatt 104, Heft 51-52 (24.12.2007), Seite A3571 - A3581)

Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, in Zusammenarbeit mit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft
Stand: 14.11.2007

Empfehlungen zum Einsatz antiviraler Arzneimittel für die Postexpositions- und Langzeitprophylaxe während einer Influenzapandemie [PDF]

Vorwort
1 Einleitung
2 Wissensstand zur Evidenz der Wirksamkeit antiviraler Arzneimittel bei einem Einsatz zur Postexpositions- und Langzeitprophylaxe
2.1 Saisonale Influenza
2.2 Aviäre Influenza
3 Evidenzlage zur Gefahr von Resistenzentwicklung bei einem Einsatz zur Postexpositions- und Lanzeitprophylaxe antiviraler Arzneimittel
3.1 Adamantane
3.2 Neuraminidaseinhibitoren
4 Nicht medikamentöse Expositionsprophylaxe
5 Simulationsmodelle zur Wirksamkeit prophylaktischer Maßnahmen
6 Arbeitsschutz und Pflichten des Arbeitgebers
7 Möglichkeiten der Eigenvorsorge
8 Praktische Konsequenzen
8.1 Situationsanalyse
8.2 Fazit und Empfehlung
9 Autorenliste
Fallbeispiele ärztlicher Entscheidungssituationen im Pandemiefall
Literatur
Addendum der AkdÄ

Vorwort

Das Risiko einer neuen Influenzapandemie besteht unverändert. Die Spitzenverbände der verfassten Ärzteschaft haben im Jahr 2005 mit Unterstützung der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft in einer Situation der sich widersprechenden Meinungen, der vom einzelnen Arzt nicht mehr überblickbaren staatlichen Planungen und der daraus resultierenden Unsicherheit eine erste Handreichung zum praktischen Umgang mit einer möglichen, in ihren Ausmaßen schwer abzuschätzenden Katastrophe vorgelegt.

Der spezielle und komplexe Aspekt des prophylaktischen Einsatzes antiviraler Arzneimittel ist darin aber nicht im Detail behandelt. Ebenso besteht bei Ärztinnen und Ärzten ein großer Informationsbedarf zur Relevanz des prophylaktischen Einsatzes von antiviralen Arzneimitteln im Arbeitsschutz. Diese Lücke soll mit dem nachstehenden Memorandum geschlossen werden. Das Thema der Postexpositions- bzw. Langzeitprophylaxe, insbesondere mit Neuraminidasehemmern, wird aufgrund der unzureichenden wissenschaftlichen Evidenzlage im Hinblick auf eine Influenzapandemie häufig kontrovers diskutiert. Unbestrittene Basis einer effektiven Infektionsprophylaxe ist die Impfung. Dieser Impfstoff steht aber möglicherweise erst drei bis sechs Monate nach Identifizierung des Pandemievirus zur Verfügung. Bis dahin erscheint neben allgemeinen Hygienemaßnahmen der Einsatz von antiviralen Arzneimitteln nicht nur zur Therapie, sondern für einen bestimmten Personenkreis auch zur Postexpositions- und Langzeitprophylaxe nach ärztlicher Abwägung sinnvoll. Angesichts der weitreichenden Konsequenzen einer solchen Einschätzung verdient die Begründung zu den vorliegenden Empfehlungen besondere Beachtung.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Jörg-Dietrich Hoppe
Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages

Dr. med. Andreas Köhler
Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen
Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

1 Einleitung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht seit einer von ihr veranstalteten Tagung im Jahr 2002 davon aus, dass antivirale Arzneimittel zur Prophylaxe im Fall einer Influenzapandemie wirksam sind (1).

Seither ist die Sinnhaftigkeit einer solchen Maßnahme, die staatliches und ärztliches Handeln impliziert, immer wieder, so auch an dieser Stelle, kontrovers diskutiert worden (2–5). Die deutsche Ärzteschaft hat im Rahmen eines gemeinsam mit Vertretern wichtiger Institutionen des öffentlichen Gesundheitsdienstes verfassten Memorandums 12/2005 zu notwendigen Maßnahmen im Hinblick auf eine drohende Influenzapandemie Stellung genommen. Diese Stellungnahme hat zusammen mit anderen Vorschlägen insofern Wirkung gezeigt, als sie zum Aufbau einer staatlichen Bevorratung mit antiviralen Substanzen für die Therapie akut Erkrankter beigetragen hat. Der mögliche prophylaktische Einsatz dieser Substanzen war seinerzeit von uns nur angedeutet, jedoch nicht detailliert erörtert worden (2).

Dieser wichtigen und schwierigen Fragestellung ist das nachfolgende Dokument gewidmet, das wiederum im Konsensus mit Vertretern öffentlicher Institutionen erarbeitet wurde (vgl. Autorenliste). Ausgangspunkt ist die drängende Frage, wie die kritische Phase zwischen Ausbruch einer Pandemie und Verfügbarkeit eines entsprechenden Impfstoffs medizinisch bewältigt werden kann. Der vorliegende Text beschreibt die, insbesondere im Hinblick auf eine Influenzapandemie, unbefriedigende Evidenz einer prophylaktischen Wirksamkeit antiviraler Arzneimittel, stellt die existierenden gesetzlichen, insbesondere arbeitsschutzrechtlichen Grundlagen dar und versucht vor dem Hintergrund der Analyse potenzieller ärztlicher Entscheidungssituationen vorläufige Handlungsempfehlungen zu formulieren.

Über die Notwendigkeit der Entwicklung einer staatlichen Katastrophenplanung hinaus müssen Strukturen auch im Rahmen der Regelbetreuung aufgebaut werden. Es müssen in Kooperation von Politik, Krankenkassen und Ärzteschaft dringlich tragfähige Konzepte entwickelt werden, wie die tatsächliche Zugänglichkeit antiviraler Arzneimittel im Pandemiefall ermöglicht und die Vergabe dieser Arzneimittel unter ärztlicher Verantwortung für den einzelnen Bürger bei gegebener Indikation realisiert werden können.

2 Wissensstand zur Evidenz der Wirksamkeit antiviraler Arzneimittel bei einem Einsatz zur Postexpositions- und Langzeitprophylaxe

In der Prophylaxe und Therapie von Influenzainfektionen sind die M2-Ionenkanal-Blocker Amantadin und Rimantadin (Adamantane) sowie die Neuraminidaseinhibitoren Oseltamivir und Zanamivir prinzipiell wirksam. !

Amantadin und Rimantadin sind nur bei Influenza A wirksam. In Deutschland sind verschiedene Amantadin enthaltende Arzneimittel sowohl für die Behandlung des Morbus Parkinson als auch zur Prophylaxe und Therapie der Influenza A (ab dem fünften Lebensjahr) zugelassen. Rimantadin ist hierzulande nicht zugelassen.

Die Neuraminidaseinhibitoren Oseltamivir (Tamiflu®) und Zanamivir (Relenza®) sind in der Prophylaxe und Therapie der saisonalen Influenza A und B wirksam (6). Tamiflu® ist hierfür bei Kindern ab dem vollendeten ersten Lebensjahr, Relenza® bei Kindern ab dem vollendeten fünften Lebensjahr zugelassen.

Angaben zu Dosierung und wesentlichen unerwünschten Arzneimittelwirkungen von Amantadin, Oseltamivir und Zanamivir findet man in der Tabelle. Die Behandlung bzw. Postexpositionsprophylaxe sollte so bald wie möglich, spätestens jedoch 36 bis 48 Stunden nach Auftreten der Symptome oder nach Kontakt mit einer infizierten Person begonnen werden. Für detaillierte Angaben zu den Arzneimittelmerkmalen siehe z. B. unter (7) oder in den Fachinformationen (8–11).

2.1 Saisonale Influenza

Ein systematisches Review (13) von Studien zur prophylaktischen Wirksamkeit von antiviralen Arzneimitteln ergibt, dass Amantadin, rechtzeitig eingenommen, 61 % (95 % Konfidenzintervall 35–76 %) der Influenza-A-Erkrankungen und 25 % (13–36 %) von influenza-ähnlichen Erkrankungen verhindern kann. Beide Ergebnisse sind statistisch signifikant (p < 0,05). Die Ergebnisse zur Wirksamkeit von Rimantadin ähneln denen von Amantadin, unerwünschte Arzneimittelwirkungen treten jedoch seltener auf. Zu den Adamantanen wurden 34 Studien ausgewertet.

Ergebnisse verschiedener Untersuchungen zeigen eine prophylaktische Wirksamkeit von Oseltamivir. Hinweise darauf ergeben sich z. B. aus einer Studie mit experimentell infizierten Probanden (14). Sie werden durch die Resultate von zwei Studien mit insgesamt 1 559 gesunden, nicht geimpften Erwachsenen bestätigt, die während einer Influenzaepidemie sechs Wochen lang 75 mg Oseltamivir (einmal oder zweimal täglich) oder Placebo einnehmen (15). Während der Anteil der Personen mit einer labordiagnostisch gesicherten Influenzaerkrankung unter Placebo bei 4,8 % (25/519) liegt, beträgt er 1,3 % (13/1040) unter Oseltamivir (p < 0,001). Zwischen beiden Dosierungen besteht kein Unterschied in der Wirksamkeit (15). Demnach müssen 29 Menschen Oseltamivir anwenden, damit eine Influenzaerkrankung verhindert wird (number needed to treat [NNT] = 29), das entspricht ca. 1 200 Dosen Oseltamivir (bei einmal täglicher Gabe über sechs Wochen).

Eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie (16) zur postexpositionellen Prophylaxe (PEP) bei Haushaltsmitgliedern von klinisch an Influenza erkrankten Personen ergibt eine geringere Rate an labordiagnostisch gesicherten Influenzaerkrankungen unter den mit Oseltamivir 75 mg/Tag über sieben Tage behandelten Kontakten (4/493 = 0,8 % vs. 34/462 = 7,4 % unter Placebo, NNT = 15; p < 0,001).

In einer weiteren Studie zur Postexpositionsprophylaxe in Haushalten dauert die Oseltamivir-Prophylaxe zehn Tage (17). In der Gesamtpopulation zeigt sich eine Reduktion der Inzidenz von mittels Labordiagnostik bestätigter Influenza von 20 % (27/136) in der mit Placebo behandelten Gruppe auf 7 % (10/135) in der mit Oseltamivir behandelten Gruppe (NNT = 8; p < 0,0042). Auch eine Subgruppenanalyse bei Kindern im Alter von ein bis zwölf Jahren zeigt eine signifikante Reduktion der Inzidenz einer labordiagnostisch bestätigten Influenza in der prophylaktisch behandelten Gruppe (21/111 = 18,9 % vs. 7/104 6,7 %; p = 0,0188).

In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie (18) bei älteren, in Gemeinschaftseinrichtungen lebenden Personen (= 65 Jahre, mittleres Alter 81 Jahre), die zumeist geimpft sind (80 %), wird die Wirksamkeit einer sechswöchigen Prophylaxe mit 75 mg Oseltamivir einmal täglich geprüft. Unter Oseltamivir kommt es bei 0,4 % (1/276) der Bewohner zu einer labordiagnostisch bestätigten Grippeerkrankung, unter Placebo bei 4,4 % (12/276; NNT = 25; p = 0,002). Auch die Inzidenz sekundärer Infektionen ist unter Oseltamivir geringer.

Die Wirksamkeit von Zanamivir in der Prophylaxe der saisonalen Influenza ist ebenfalls durch mehrere Studien belegt.

In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie bei 1 107 gesunden Probanden wenden die Teilnehmer ab Beginn der Influenzasaison für 28 Tage entweder Zanamivir 10 mg einmal täglich oder Placebo an (19). Die Gabe von Zanamivir führt zu einer absoluten Reduktion des Risikos (ARR), an einer labordiagnostisch gesicherten Influenza zu erkranken von 4 % (11/553 unter Zanamivir vs. 34/554 unter Placebo, NNT = 25). Auch bei in Gemeinschaftseinrichtungen lebenden Personen mit einem höheren Risiko für schwere Erkrankungsverläufe (Menschen mit chronischen Herz- oder Lungenerkrankungen beziehungsweise älter als 65 Jahre), die zu 67 % geimpft sind, werden weniger symptomatische Influenzainfektionen unter Zanamivir beobachtet als unter Placebo (4/1687 vs. 23/1685, NNT = 84; p < 0,001)(20).

In einer weiteren randomisierten Untersuchung (21) zur Postexpositionsprophylaxe wenden in 337 Familien, in denen jeweils ein Mitglied an Influenza erkrankt ist, sowohl die Erkrankten als auch die nicht erkrankten Familienmitglieder 10 mg Zanamivir bzw. Placebo an. Unter Zanamivir treten in den Familien weniger Erkrankungen auf als unter Placebo (4 % vs. 19 %; p < 0,001).

Ein Cochrane Review ergibt, dass bei gesunden Erwachsenen im Vergleich zu Placebo die prophylaktische Wirksamkeit von 75 mg Oseltamivir gegen symptomatische Influenza 61 % (15–82 %) bzw. 73 % (33–89 %) bei 150 mg täglich beträgt. In der Postexpositionsprophylaxe hat Oseltamivir eine protektive Wirksamkeit von 58,5 % (15,6–79,6 %) in Haushalten und 68 % (34,9–84,2 %) bis 89 % (67–97 %) bei Kontakten mit Indexpersonen (13,22). Für Zanamivir ergeben sich ähnliche Daten. Eine andere Untersuchung kommt bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu übereinstimmenden Resultaten (23). Gegen asymptomatische Influenza oder influenzaähnliche Erkrankungen scheinen die Neuraminidaseinhibitoren nicht wirksam zu sein (13, 22).

Einer saisonalen Grippe lässt sich am besten durch eine Grippeschutzimpfung vorbeugen. Deswegen sollten primär alle Anstrengungen unternommen werden, dass die Menschen, für die diese Impfung empfohlen wird, sich auch tatsächlich impfen lassen (s. a. aktuelle Empfehlungen der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut) (24). Neuraminidaseinhibitoren sollten nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden, wie z. B. bei Kontraindikationen für eine Impfung oder zur Überbrückung der Zeit, bis Schutz durch eine Impfung besteht (2).

Amantadin wird wegen seines Risikoprofils, der fehlenden Wirkung gegen Influenza-B-Viren und der raschen Resistenzbildungen nicht zur Prophylaxe der saisonalen Influenza empfohlen.

2.2 Aviäre Influenza

Zur prophylaktischen Wirksamkeit von antiviralen Arzneimitteln bei Infektionen mit aviärer Influenza (z. B. H5N1, H7N7 oder H7N3) beim Menschen gibt es nur sehr spärliche Daten.

Daher werden im Folgenden auch Kasuistiken zur therapeutischen Wirksamkeit vorgestellt.

Aufgrund der jeweils geringen Fallzahl, der zum Teil lückenhaften Dokumentation und dem oft späten Therapiebeginn ist eine sichere Beurteilung des klinischen Nutzens antiviraler Arzneimittel nicht möglich.

In einem Bericht aus dem Jahr 1997 über 18 Patienten mit H5N1-Infektion in Hongkong wird Amantadin bei acht Patienten therapeutisch eingesetzt (25, 26). Von diesen versterben vier, während drei unbehandelte Patienten überleben (26). Die Behandlung mit Amantadin wurde in den Fällen mit fatalem Ausgang jedoch später als vier Tage nach Erkrankungsbeginn begonnen. Auch befanden sich die meisten Patienten zu Beginn der antiviralen Therapie bereits in einem kritischen Zustand.

Oseltamivir wird prophylaktisch und therapeutisch bei einem Ausbruch von H7N7-Infektionen in niederländischen Hühnerfarmen mit Vogel-zu-Mensch- und Mensch-zu-Mensch-Übertragung im Jahr 2003 eingesetzt. Bei 90 Arbeitern, die mit möglicherweise infiziertem Geflügel umgehen, wird eine Prophylaxe mit 75 mg Oseltamivir pro Tag eingeleitet. Eine aviäre Influenza wird bei einer von 38 Personen, die Oseltamivir eingenommen haben, nachgewiesen (2,6 %), verglichen mit 5 von 52 (9,6 %) ohne prophylaktische Medikation. Der Unterschied ist nicht signifikant, vermutlich aufgrund der kleinen Fallzahl (27).

Ein ähnlicher Ausbruch von Influenza A/H7N7 ereignet sich 2004 in Kanada (28). Von den 55 Personen mit Verdacht auf eine Infektion erhalten 23 Oseltamivir, bei den übrigen 22 Personen wird die Verdachtsdiagnose zu spät (> 48 Stunden nach dem Beginn der Erkrankung) gestellt, oder sie lehnen die Einnahme ab. Alle Patienten genesen.

Die bisher veröffentlichten Fallberichte über an H5N1 erkrankte Personen in Südostasien bzw. der Türkei, die mit Oseltamivir behandelt werden, lassen keine Rückschlüsse auf dessen Wirksamkeit zu (29–35).

In einer Übersicht der WHO über H5N1-Infektionen beim Menschen wird darauf hingewiesen, dass die therapeutische Gabe von Oseltamivir zu einer verminderten Virusausscheidung und einer reduzierten Infektiosität führen könnte (29). !

Auf eine prophylaktische Wirksamkeit von Oseltamivir gegen H5N1 deuten die Ergebnisse von Tierversuchen (36).

In einem Editorial zu zwei Publikationen, die den Verlauf der Vogelgrippe bei Patienten in der Osttürkei und in Indonesien beschreiben, wird betont, dass der H5N1-Virusstamm 2, der in Indonesien beobachtet wurde, größtenteils sensibel gegenüber Adamantanen ist und dass alle bisher getesteten H5N1-Stämme sensibel gegenüber Neuraminidaseinhibitoren sind (37). Jedoch dürfte das zeitliche Fenster, innerhalb dessen eine prophylaktische Gabe wirksam werden kann, bei ein bis zwei Tagen postexpositionell liegen.

Es ist unklar, ob sich die Daten zur Wirksamkeit antiviraler Arzneimittel bei der saisonalen Influenza auf die aviäre Influenza oder das erwartete Pandemievirus übertragen lassen.

Trotz der schwachen Evidenzlage wird bei sporadischen Infektionen mit aviärer Influenza A (H5N1) von der WHO eine Behandlung und Chemoprophylaxe mit Oseltamivir empfohlen (38).

Gegen ein rekombinantes Virus mit den Genen des Influenzavirus, das 1918 die Pandemie verursachte, erweisen sich im Labor- und Tierversuch sowohl die Neuraminidaseinhibitoren als auch die Adamantane als wirksam (39).

3 Evidenzlage zur Gefahr von Resistenzentwicklung bei einem Einsatz zur Postexpositions- und Langzeitprophylaxe antiviraler Arzneimittel

3.1 Adamantane

Punktmutationen der RNA-Sequenz, die das M2-Protein des Influenza-A-Virus codiert, können zu Aminosäureveränderungen im transmembranösen Teil des Moleküls und zur Kreuzresistenz gegen Amantadin und Rimantadin führen (40). In-vitro-Untersuchungen zeigen, dass eine hohe Anzahl dieser Spontanmutationen zu Resistenzen gegen Adamantane führt (40).

Eine prospektive Studie, in der Rimantadin zur Behandlung des erkrankten Haushaltsmitglieds (Index-Patienten) und zur Postexpositionsprophylaxe von Familienmitgliedern verwendet wird, zeigt eine rasche Selektion resistenter, weiterhin infektiöser und virulenter Viren (41). Resistenz kann bereits nach einer zwei- bis dreitägigen Therapie auftreten (42).

Eine genotypische Untersuchung von mehr als 7 000 Influenza-A-Isolaten, weltweit gewonnen in den Jahren 1994 bis 2005, zeigt einen dramatischen Anstieg in der Inzidenz Amantadin- und Rimantadin-resistenter H3N2-Viren, möglicherweise aufgrund des verbreiteten und teils unkontrollierten Einsatzes (43, 44). In den Vereinigten Staaten wird Ende 2005 bei 92 % und 2006 bei 96,4 % der H3N2-Virusisolate eine Mutation gefunden, die mit Amantadinresistenz assoziiert ist (45, 46). Alle 71, in der Saison 2005/2006 untersuchten H3N2-Virusisolate aus China, Hongkong, Japan, Südkorea und Taiwan sind adamantanresistent (46).

Isolate von H5N1-Influenzaviren aus Vietnam, Kambodscha und Malaysia zeigen Mutationen, die mit einer Resistenz gegen Adamantane einhergehen (47–49). Dagegen sind die meisten H5N1-Viren, die in der Mongolei, Russland, der Türkei und Rumänien zirkulieren, Amantadin-sensitiv (50). Widersprüchliche Ergebnisse gibt es hinsichtlich der Isolate aus Indonesien (49, 50).

3.2 Neuraminidaseinhibitoren

Im Vergleich zu Amantadin und Rimantadin scheinen Resistenzen von Influenzaviren gegen Neuraminidaseinhibitoren in vivo und in vitro weniger leicht aufzutreten.

Sie können durch Mutationen sowohl der Neuraminidase als auch des Hämagglutinins entstehen (51).

Bei Kindern lassen sich häufiger Influenzaviren mit einer verminderten Empfindlichkeit gegenüber Oseltamivir nachweisen als bei Erwachsenen (10, 52, 53). So werden in einer japanischen Studie bei 9/50 untersuchten Kindern H3N2-Virusstämme mit Veränderungen der Neuraminidase gefunden, die bei acht Kindern mit einer Resistenz gegenüber Oseltamivir einhergehen (52). Es wird vermutet, dass diese erhöhte Resistenzrate von einer relativen Unterdosierung herrührt (5).

In einer japanischen Untersuchung werden bei 8/496 Kindern Influenza-B-Viren mit verminderter Oseltamivir-Empfindlichkeit nachgewiesen (54).

Ergebnisse von Labor- und Tierversuchen weisen bei Oseltamivir-resistenten Viren auf eine verminderte Fähigkeit zur Replikation und eine geringere Infektiosität hin (55, 56).

Bei einem vietnamesischen Mädchen wird unter Gabe von Oseltamivir, das trotz bestehender Symptome in prophylaktischer Dosierung (75 mg Oseltamivir einmal täglich) gegeben wird, ein H5N1-Virusstamm mit Oseltamivir-Resistenz isoliert (57, 58).

In einem weiteren Bericht wird der Verlauf einer H5N1-Infektion bei zwei Patienten beschrieben. Während der Therapie mit Oseltamivir, die bei einem der beiden Patienten zeitgerecht begonnen wurde, werden resistente Viren isoliert. Diese Nachweise von Resistenzen bei H5N1-Viren sowie die Ergebnisse von Tierversuchen und In-vitro-Studien führen zu der Überlegung, dass die Dosierung und die Dauer der Therapie für H5N1-Infektionen nicht ausreichend und die Kombinationstherapie mit anderen antiviralen Arzneimitteln sinnvoll sein könnten (30, 59–61). Weiterhin wird über zwei aviäre H5N1-Virusstämme mit Oseltamivir-Resistenz, aber Empfindlichkeit gegen Zanamivir und Amantadin aus Ägypten berichtet. Derzeit ist unklar, ob sich die beiden mit Oseltamivir behandelten Patienten mit einem primär resistenten Erreger infiziert haben oder ob sich die Resistenz unter Behandlung entwickelt hat (62).

In Gewebekulturen werden Zanamivir-resistente Influenza-A- und -B-Viren selektiert (63). Kreuzresistenz zwischen Oseltamivir und Zanamivir kommt vor, wie in vitro gezeigt wurde (64, 65).

Ein Virus mit einer 1 000-fach reduzierten Sensitivität gegen Zanamivir wird von einem nach einer Knochenmarktransplantation immunsupprimierten Mädchen isoliert, das ab dem sechsten Tag nach der Diagnose einer Influenza-B-Infektion über zwei Wochen mit dem Neuraminidaseinhibitor behandelt worden ist (66). Bisher gibt es keine Nachweise Zanamivir-resistenter Viren bei immunkompetenten Patienten (3). Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass hierfür auch die im Vergleich zu Oseltamivir seltenere Anwendung von Zanamivir eine Rolle spielt.

Nach virologischer Kenntnis erhöht sich grundsätzlich der Selektionsdruck – und damit die Wahrscheinlichkeit für Resistenzbildung – mit der Dauer der prophylaktischen Anwendung von Antiinfektiva (30, 57, 67, 68).

4 Nicht medikamentöse Expositionsprophylaxe

Neben der Impfung und der antiviralen Medikation hat die nicht medikamentöse Expositionsprophylaxe zum Schutz vor einer Infektion einen hohen Stellenwert. Durch sie soll die Übertragung des Pandemievirus verhindert werden, bis ein ausreichender Individualschutz durch eine Immunisierung besteht. Unabhängig davon, ob bei Mitarbeitern oder Dritten ein Immunschutz besteht oder eine medikamentöse Prophylaxe durchgeführt wird, soll insbesondere durch die Expositionsprophylaxe, z. B. durch das Tragen geeigneter Schutzhandschuhe bzw. von Schutzkitteln, Atemschutz sowie Schutzbrillen, eine Infizierung über Tröpfchen und ggf. Aerosole, Hautkontakt (z. B. Hände) oder Kleidung verhindert werden. Das Meiden von menschlichen Kontakten während einer Pandemie, Reisebeschränkungen sowie Versammlungseinschränkungen einschließlich Schulschließungen sind weitere Möglichkeiten der Expositionsprophylaxe. Weitere Hinweise geben die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts „Hygienemaßnahmen bei Patienten mit Verdacht auf bzw. nachgewiesener Influenza“ (69).

Erkrankte oder Erkrankungsverdächtige können durch Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (MNS) die Weiterverbreitung via Tröpfcheninfektion vermindern. Für allgemeine Tätigkeiten beim Umgang und Kontakt mit Erkrankten oder Krankheitsverdächtigen wird das Tragen von Atemschutzmasken empfohlen, die die Anforderungen der Geräteklasse FFP1 nach DIN EN 149 (70) erfüllen (71). Bei Tätigkeiten, bei denen das medizinische Personal Hustenstößen ausgesetzt sein kann, sind mindestens FFP2-Masken erforderlich (72). Bei bestimmten Tätigkeiten am Patienten, bei dem Hustenstöße des Patienten provoziert werden (z. B. bei Bronchoskopien, Intubationen, Absaugungen), ist sogar das Tragen von FFP3-Masken angebracht. Grundsätzlich ist zu berücksichtigen, dass das Tragen von Atemschutzmasken zur Erhöhung des Atemwiderstands führt. Wünschenswert wären Studien, die die Wirkung von medikamentöser Prophylaxe gegenüber Mund-Nasen-Schutz bzw. Atemschutzmasken prüfen.

Besteht die Gefahr, dass erregerhaltige makroskopische Tröpfchen oder Spritzer die Augenschleimhäute benetzen können, sind Schutzbrillen mit seitlichem Schutz zu tragen (72, 73).

Immer empfiehlt sich eine entsprechende Händehygiene nach dem Patientenkontakt oder unmittelbar nach dem Verlassen des Krankenzimmers (69). Nach direktem Patientenkontakt, Kontakt mit erregerhaltigen Materialien oder kontaminierten Gegenständen müssen die Hände mit einem gegen Viren wirksamen Händedesinfektionsmittel desinfiziert werden. Geeignete Händedesinfektionsmittel müssen zumindest die Anforderungen „begrenzt viruzid“ (d. h. wirksam gegen behüllte Viren) erfüllen.

Im Pandemiefall sind beim Betreten des Krankenzimmers bzw. des Behandlungsraums von Praxen Schutzkittel und Schutzhandschuhe, wie medizinische Einmalhandschuhe nach DIN EN 455 Teil 1–3 (74–76), anzulegen. Vor dem Verlassen der Räume sind die Schutzhandschuhe in einem geschlossenen Behältnis zu entsorgen. Schutzkittel sind abzulegen und müssen in dem Raum verbleiben. Anschließend muss eine Händedesinfektion vorgenommen werden. Während der Pandemie können von der zuständigen Behörde besondere Maßnahmen angeordnet werden, die entsprechend zu befolgen sind (77). Der Arbeitgeber ist gemäß Biostoffverordnung verpflichtet, in seinem Betrieb entsprechend der Gefährdungsbeurteilung Schutzmaßnahmen für seine Beschäftigten zu treffen (78).

5 Simulationsmodelle zur Wirksamkeit prophylaktischer Maßnahmen

Für die Planung und Vorbereitung von Maßnahmen im Rahmen einer Influenzapandemie ist ein Abschätzen der möglichen Auswirkungen der Erkrankungswelle notwendig bzw. hilfreich. Es wurden daher von verschiedenen Autoren Simulationsmodelle entwickelt, die die Ausbreitung der Influenza in unterschiedlichen Regionen beschreiben sollen (79–85).

Dabei ist zu beachten, dass die aufgestellten Modelle jeweils mit spezifischen Annahmen bezüglich Übertragungsraten, Virulenz und Wirksamkeit arbeiten. Es werden hierfür zum Teil Einzeluntersuchungen historischer Pandemien oder Mittelwerte der Pandemien des vergangenen Jahrhunderts als Grundlage herangezogen.

Ein wichtiger Teil der Gesamtstrategie während einer Pandemie ist der Versuch, die Ausbreitung der Influenza einzudämmen oder zumindest zu verlangsamen, um Zeit für weitere Vorbereitungen zu erlangen. Zur Abschätzung des Einflusses bestimmter Maßnahmen auf die Ausbreitungsdynamik und Erkrankungsraten werden die genannten Simulationsmodelle eingesetzt. In der Regel werden in den Modellen medizinische – wie die Gabe von antiviralen Medikamenten und Impfungen – und nicht medizinische – wie Reisebeschränkungen und Schulschließungen etc. – Präventionsmaßnahmen einzeln und auch kombiniert untersucht.

Wenn Ressourcen begrenzt sind oder, wie z. B. möglicherweise bei Impfstoffen der Fall, produktionsbedingt nur schrittweise verfügbar werden, können Simulationsmodelle dazu dienen, die optimale Ressourcenverteilung mit dem Ziel des größten Nutzens für die Bevölkerung zu untersuchen. Hierbei steht das Ziel einer möglichst großen Reduktion der Gesamtmorbidität und -mortalität im Vordergrund. Es können in den Modellen auch weitere Kriterien festgelegt werden, nach denen eine vorrangige Zuteilung geeigneter Ressourcen an vorher festgelegte Bevölkerungsgruppen erfolgen soll.

Im Folgenden werden drei der o. g. Simulationen und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen dargestellt. Das von Ferguson et al. (79) erstellte Modell untersucht den Einfluss verschiedener Interventionen wie Grenzschließungen, Reisebeschränkungen, Gabe von antiviralen Arzneimitteln (therapeutisch und prophylaktisch), Schulschließungen, Haushaltquarantäne und Impfungen. In diesem Modell wird für die USA und für Großbritannien der mögliche Verlauf einer Influenzapandemie unter dem Einfluss dieser Maßnahmen beschrieben. Für die Simulation wird angenommen, dass 30 % der Übertragungsereignisse innerhalb von Haushalten, 70 % jedoch außerhalb von Haushalten (z. B. in Schulen und an Arbeitsplätzen) stattfinden. Hierbei werden Kontaktraten in Schulen als doppelt so hoch eingestuft wie an Arbeitsplätzen, um die höheren Erkrankungsraten von Kindern, die in früheren Pandemien und bei den jährlichen Grippewellen gesehen werden, zu imitieren. In diesem Modell kann durch Grenzschließungen und Reisebeschränkungen nur bei einer fast 100-prozentigen Durchführung eine relevante Verzögerung der Ausbreitung um mehr als zwei bis drei Wochen erzielt werden. Schulschließungen haben nach dem Modell nur wenig Einfluss auf die Gesamterkrankungsrate im Laufe der Pandemie, können aber die Neuerkrankungsraten während des Höhepunkts der Pandemie um bis zu 40 % senken und so eventuell zur Entlastung des Gesundheitssystems und zu einem Zeitgewinn für die Impfstoffentwicklung beitragen.

Wenn bei klinischen Fällen innerhalb eines Tages nach Symptombeginn mit einer antiviralen Arzneimitteltherapie über fünf Tage begonnen wird, kann dies eine Verringerung der Infektiosität um etwa 60 % ab dem Zeitpunkt der Einnahme des Arzneimittels und damit eine Reduktion der Gesamterkrankungsrate bewirken. Bei einer angenommenen hohen Übertragungsrate von R0 = 2 (d. h. ein Erkrankter infiziert durchschnittlich zwei weitere Personen in einer Bevölkerung ohne Immunität) würde nach Ferguson und Koautoren die Erkrankungsrate in der Bevölkerung durch diese Maßnahme von 34 % auf 29 % sinken. In dem vorliegenden Modell wäre dann ein Vorrat an antiviralen Arzneimitteln für 25 % der Bevölkerung notwendig.

Eine zusätzliche Prophylaxe mit antiviralen Arzneimitteln für alle im selben Haushalt lebenden Kontaktpersonen könnte zu einer Reduktion der Erkrankungsraten um mindestens ein Drittel führen. Hierfür würden jedoch bei einer hohen Übertragungsrate (R0 = 2) Vorräte an antiviralen Arzneimitteln für 57 %, bei einer mittleren Übertragungsrate (R0 = 1,7) für 46 % der Bevölkerung benötigt. Das Risiko einer Resistenzentwicklung und deren Einfluss werden in diesem Modell nicht berücksichtigt.

Wenn frühzeitig eine Impfung als zusätzliche Maßnahme zur Verfügung steht, kann die Erkrankungsrate weiter gesenkt werden, selbst wenn die Wirksamkeit des Impfstoffs gegenüber dem zirkulierenden Influenzavirus eingeschränkt wäre. Eine vorrangige Impfung von Kindern im Schulalter – Wirksamkeit und Verträglichkeit des Impfstoffs in diesen Altersstufen vorausgesetzt – hätte in diesem Modell den größten Effekt.

Auch Germann et al. (81) zeigen mit ihrem Modell für die USA, dass Reisebeschränkungen nur einen geringen Effekt auf die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer Influenzapandemie haben. Für eine angenommene Transmissionsrate von R0 = 1,9 zeigt auch dieses Modell, dass eine zügige Impfung der Bevölkerung, insbesondere von Kindern, die Erkrankungsrate auf bis zu < 10 % der Bevölkerung senken könnte. Eine umfassende, gezielte, wirksame antivirale Prophylaxe bei Kontaktpersonen Erkrankter zu Beginn einer Pandemie könnte die Ausbreitung stark eindämmen.

Gani et al. (80) kommen in ihrer Untersuchung zu dem Schluss, dass eine Bevorratung von antiviralen Arzneimitteln für 20–25 % der Bevölkerung ausreichen kann, um durch Behandlung der klinischen Fälle die Zahl der Krankenhauseinweisungen um 50–77 % zu reduzieren. Dabei wurde angenommen, dass die Therapie über eine Verkürzung der Erkrankungsdauer um etwa 1,5 Tage zu einer entsprechend kürzeren Infektiosität führt. Für die Berechnungen wurde die Bevölkerung Großbritanniens als Grundlage genommen. Die Verteilungslogistik wurde als optimal vorausgesetzt. Zusätzlich wird beschrieben, dass bei einer Verfügbarkeit von antiviralen Arzneimitteln für lediglich bis zu 7 % der Bevölkerung die Therapie von Risikogruppen die beste Strategie zur Verringerung von Krankenhauseinweisungen darstellt, während bei einem Vorrat zwischen 7 und 10 % Kinder (ein bis 14 Jahre) und ältere Menschen (> 65 Jahre) bevorzugt behandelt werden sollten. Ab einem Vorrat von > 12 % ist nach Gani die Therapie aller Erkrankten am günstigsten.

An den genannten Beispielen wird deutlich, dass Simulationsmodelle zu möglichen Verläufen einer Influenzapandemie auf zahlreichen Annahmen beruhen, deren tatsächliche Ausprägungen in einer Pandemie ungewiss sind. Die Gegebenheiten in einer Pandemie können davon in unterschiedlichem Maß abweichen. Mithilfe der Modelle lässt sich jedoch für verschiedene Interventionen abschätzen, in welcher Größenordnung eine Wirksamkeit erwartet werden kann bzw. mit welchen Wechselwirkungen aufgrund der komplexen Interaktion von Übertragungsdynamik und Interventionen gerechnet werden muss.

6 Arbeitsschutz und Pflichten des Arbeitgebers

Nach § 3 (1) Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) ist der Arbeitgeber verpflichtet, die erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes unter Berücksichtigung der Umstände zu treffen, die die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten bei der Arbeit beeinflussen (86). Er hat die Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen und erforderlichenfalls sich ändernden Gegebenheiten anzupassen. Dabei hat er eine Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten anzustreben.

§ 3 (2) ArbSchG beinhaltet (86): Zur Planung und Durchführung der Maßnahmen nach Absatz 1 hat der Arbeitgeber unter Berücksichtigung der Art der Tätigkeiten und der Zahl der Beschäftigten erstens für eine geeignete Organisation zu sorgen und die erforderlichen Mittel bereitzustellen sowie zweitens Vorkehrungen zu treffen, dass die Maßnahmen erforderlichenfalls bei allen Tätigkeiten und eingebunden in die betrieblichen Führungsstrukturen beachtet werden und die Beschäftigten ihren Mitwirkungspflichten nachkommen können.

Kosten für Maßnahmen nach diesem Gesetz darf der Arbeitgeber nach § 3 (3) ArbSchG nicht den Beschäftigten auferlegen (86). Die Biostoffverordnung (BioStoffV) regelt den Schutz der Beschäftigten bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen und betrifft insbesondere Beschäftigte im Gesundheitswesen (78). Zweck dieser Verordnung 1 ist der Schutz der Beschäftigten vor der Gefährdung ihrer Sicherheit und Gesundheit bei diesen Tätigkeiten (§ 1 BioStoffV) (78). Um seinen Aufgaben als Arbeitgeber nachkommen zu können, hat der Arbeitgeber nach Maßgabe des § 1 Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG) Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit zu bestellen (87).

Im Betrieb wird die Indikation zur Prophylaxe mit antiviralen Arzneimitteln und zur Impfung bei Beschäftigten durch eine arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung gemäß § 15 Abs. 2 Nr. 4 BioStoffV gestellt (78). Daraus lässt sich ableiten, dass der Arbeitgeber bei Exposition der Beschäftigten am Arbeitsplatz die Untersuchung und die Verschreibung des antiviralen Arzneimittels zu ermöglichen und die Kosten des Medikamentes zu übernehmen hat (§3 Abs. 3 ArbSchG) (86). Bei der Indikationsstellung hat freilich zuvor eine Abwägung der wissenschaftlichen Evidenz für die zu erwartende prophylaktische Wirksamkeit, insbesondere im Vergleich zu nicht medizinischen Schutzmaßnahmen zu erfolgen.

Der Ausschuss für biologische Arbeitsstoffe (ABAS) erstellt konkrete Handlungsempfehlungen für Arbeitgeber und Beschäftigte. Der Arbeitgeber kann davon ausgehen, dass er die Anforderungen der BioStoffV erfüllt, wenn er die ABAS-Beschlüsse einhält. Der Arbeitgeber braucht diese Empfehlungen nicht umzusetzen, wenn andere gleichwertige Schutzmaßnahmen getroffen werden. Die Gleichwertigkeit ist auf Verlangen des Gewerbeaufsichtsamts nachzuweisen.

Der Beschluss 608 des ABAS „Empfehlung spezieller Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten vor Infektionen durch den Erreger der Klassischen Geflügelpest“ thematisiert den Arbeitsschutz bei aviärer Influenza (88). In dem Beschluss 609 des ABAS „Arbeitsschutz beim Auftreten von nicht impfpräventabler Influenza unter besonderer Berücksichtigung des Atemschutzes“ wird zur Influenza mit pandemischem Potenzial im Kapitel „Medikamentöse Prophylaxe“ erläutert:

„Die zur Therapie der Influenza eingesetzten antiviralen Arzneimittel sind ebenfalls für eine prophylaktische Behandlung von Kontaktpersonen wirksam. Diese erscheint sinnvoll für ungeimpfte, enge Kontaktpersonen (ggf. auch geimpfte Personen, bei denen der Impferfolg weniger sicher ist, z. B. sehr alte oder immunsupprimierte Personen) mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Gegebenenfalls sollte eine Chemoprophylaxe mit geeigneten Virusstatika (z. B. Neuraminidaseinhibitoren oder Amantadinen) für nicht geimpfte Kontaktpersonen oder Kontaktpersonen, bei denen der zeitliche Abstand zwischen Impfung und Erkrankung zu gering ist und daher noch kein Impfschutz besteht, in Absprache mit einem Arbeitsmediziner und Gesundheitsamt durchgeführt werden“ (72).

Diese Beschlüsse des ABAS ergänzen die Technische Regel für biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 250 (73). Grundlage für diesen Beschluss war unter anderem der Nationale Influenzapandemieplan Teil III (89).

Weitere Regelungen und Normen sind für die Gefährdungsanalyse hilfreich: TRBA 100 Schutzmaßnahmen für gezielte und nicht gezielte Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen in Laboratorien (90), BGR 189 Einsatz von Schutzkleidung (91), BGR 190 Benutzung von Atemschutzgeräten (92), DIN EN 149 Filtrierende Halbmasken (70).

Der Arbeitgeber ist verpflichtet, zum Schutz der Beschäftigten geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Geeignete Maßnahmen können nur dann ergriffen werden, wenn eine (Gefährdungs-) Analyse des Betriebs mit allen Gegebenheiten und Gefährdungen erfolgt. Hierfür ist die Erstellung eines betriebsspezifischen Pandemienotfallplans auch für Arztpraxen (93, 94) und Krankenhäuser sinnvoll. Anhand des Notfallplans können effizient und umfassend für den Betrieb spezifische Maßnahmen ergriffen werden, wie die Freistellung bestimmter Mitarbeiter, die Einrichtung von Telearbeitsplätzen, die Bevorratung von Schutzkitteln, Atemschutzmasken, Schutzhandschuhen und antiviralen Arzneimitteln für die Postexpositions- und Langzeitprophylaxe oder das Angebot einer Impfung gegen die saisonale Influenza. Die Vorbereitung einschließlich der Bevorratung sollte rechtzeitig erfolgen – denn, wenn die Pandemie ausgebrochen ist, ist es zu spät.

Die beste Maßnahme zum Schutz der Beschäftigten ist die Verabreichung eines Pandemieimpfstoffs. Da dieser Impfstoff während der ersten Monate nach Auftreten des Pandemievirus nicht zur Verfügung stehen wird, ist der Einsatz von antiviralen Arzneimitteln zu prüfen (89).

Bund und Länder beabsichtigen nach derzeitigem Sachstand zur Postexpositions- und Langzeitprophylaxe keine Bevorratung von antiviralen Arzneimitteln. Sie haben jedoch durch eine Gesetzesänderung dem Arbeitgeber ermöglicht, selbst für seine Beschäftigten antivirale Arzneimittel zu bevorraten. Durch die Einführung des § 47 Abs. 1 Nr. 5 Arzneimittelgesetz (AMG) ist die Bevorratung antiviraler Arzneimittel, außer durch öffentliche Apotheken, auch in bestimmten Fällen mittels zentraler Beschaffungsstellen möglich. Diese „zentralen Beschaffungsstellen“ können auch Unternehmen/Betriebe sein. Voraussetzung für den Bezug von antiviralen Arzneimitteln für die Betriebe ist, dass sie als „zentrale Beschaffungsstellen“ von der zuständigen Behörde anerkannt sind und dass die Arzneimittelbeschaffung dem in § 47 Abs. 2 Satz 1 AMG genannten Zweck dient, indem das Unternehmen diese Arzneimittel nur für den eigenen Bedarf im Rahmen der Erfüllung seiner Aufgaben beziehen darf. Darüber hinaus muss der Betrieb die in § 47 Abs. 2 Satz 2 AMG genannten Anforderungen erfüllen, indem er nachweisen muss, dass die Vorräte unter fachlicher Leitung eines Apothekers stehen und geeignete Räume und Einrichtungen zur Prüfung, Kontrolle und Lagerung der Arzneimittel vorhanden sind(95).

Insbesondere international agierende Konzerne wie Banken oder Autohersteller haben bereits Pandemiepläne erstellt und auf dieser rechtlichen Grundlage antivirale Arzneimittel bevorratet.

Zur Gewährleistung einer sachgemäßen Anwendung ist anzuraten, dass der Arbeitgeber dem Betriebsarzt nicht nur die Verordnung der antiviralen Arzneimittel zur Postexpositions- und Langzeitprophylaxe überträgt, sondern auch die Verabreichung der antiviralen Arzneimittel.

7 Möglichkeiten der Eigenvorsorge

Die Konzepte und Pandemiepläne der Bundesländer sehen, wie oben erwähnt, nur eine Bevorratung antiviraler Arzneimittel für therapeutische Indikationen vor. Unter der Annahme, dass im Fall einer Pandemie aufgrund der dann herrschenden Knappheit, antivirale Arzneimittel kaum noch über eine reguläre Verschreibung zu beziehen sein werden, ist zu vermuten, dass sich viele Personen bereits jetzt einen Vorrat antiviraler Arzneimittel für den Fall einer Influenzapandemie zulegen möchten.

Grundsätzlich kann in Zusammenhang mit einer eigenvorsorglichen, präventiven Beschaffung antiviraler Arzneimittel nicht im Vorfeld festgelegt werden, ob diese Arzneimittel im Fall einer Pandemie therapeutisch bei Erkrankung oder prophylaktisch, z. B. anlässlich der Pflege von erkrankten Familienangehörigen, eingesetzt werden (3–5). Unabhängig von der Entscheidung, ob eine Eigenbevorratung zur Therapie oder zur Postexpositionsprophylaxe wünschenswert sein kann, wird in jedem Fall Folgendes zu gelten haben:

  • Diese Form der Bevorratung unterliegt der individuellen ärztlichen Prüfung und Entscheidung, in Abstimmung mit der nachfragenden Person.
  • Vor Einnahme des antiviralen Arzneimittels (im Pandemiefall) sollte der Patient in jedem Fall mit einem Arzt Kontakt aufnehmen, damit die Indikation gezielt festgestellt werden kann und eine inadäquate Anwendung vermieden wird.
  • Die notwendige ärztliche Verschreibung zur Eigenbevorratung kann nicht zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung und nur mittels Privatrezept auf eigene Kosten erfolgen; die Aufgabe des Arztes ist es dabei, seiner Sorgfalts- und Aufklärungspflicht nachzukommen.

8 Praktische Konsequenzen

8.1 Situationsanalyse

Die vorstehend dargestellten Simulationsmodelle (s. Kapitel 5) lassen es möglich erscheinen, dass eine zu Beginn einer Pandemie bei exponierten Personen gezielt eingesetzte Postexpositionsprophylaxe mit Neuraminidaseinhibitoren eine weitere Ausbreitung des pandemischen Infektionsgeschehens verlangsamen kann.

Aufgrund der möglichen hohen Infektiosität des Pandemievirus, das auf eine immunologisch „naive“ Bevölkerung trifft, muss deshalb für Personengruppen mit hohem Infektions- bzw. Erkrankungsrisiko, wie medizinisches Personal, pflegende Angehörige, Kinder, Menschen mit chronischen Erkrankungen sowie Mitarbeitern von Institutionen der öffentlichen Ordnung bzw. Personen mit häufigen oder intensiven Kontakten mit Erkrankten, eine Postexpositions- oder Langzeitprophylaxe mit Neuraminidaseinhibitoren, insbesondere in der ersten Phase der Influenzapandemie (vgl. Anhang zum Influenzapandemieplan [96]) ernsthaft geprüft werden (3–5).

Eine absehbare berufliche Exposition mit dem Pandemievirus kann neben der nicht medikamentösen Expositionsprophylaxe (allgemeine Hygienemaßnahmen, s. Kapitel 4) eine Postexpositionsprophylaxe mit antiviralen Arzneimitteln, die im Individualfall möglicherweise als Langzeitprophylaxe anzulegen ist, erforderlich machen. Dies würde nicht nur den jeweils exponierten Personen dienen, sondern vor allem die medizinische Versorgung der Patienten sichern und die Übertragungswahrscheinlichkeit für gesunde Kontaktpersonen verringern.

Eine Langzeitprophylaxe bei Beschäftigten sollte vom Arbeitgeber mithilfe des Betriebsarztes nur unter strenger Prüfung der Notwendigkeit durchgeführt werden. In erster Linie ist diese bei medizinischem Personal anzunehmen, könnte aber auch bei exponierten Gruppen mit häufigem Personenkontakt, wie z. B. Polizisten oder bei Beschäftigten in kritischen Bereichen der Grundversorgung, wie z. B. in der Energie-, oder Wasserwirtschaft, gegeben sein. In diesen Fällen dient die prophylaktische Anwendung des antiviralen Arzneimittels der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Der Gesetzgeber hat gesetzliche Möglichkeiten geschaffen, dass Arbeitgeber für ihre Beschäftigten eine Eigenbevorratung vorsehen können.

Die Entscheidung für einen Einsatz von antiviralen Arzneimitteln zur Postexpositions- und Langzeitprophylaxe ist von einem Arzt unter Berücksichtigung der betrieblichen Gefährdungsanalyse bzw. der individuell gegebenen Indikationen zu treffen.

Da die Gabe von Neuraminidaseinhibitoren nur für vier bzw. sechs Wochen zugelassen ist und noch keine wissenschaftlichen Daten für die darüber hinausgehende Anwendung des Arzneimittels vorliegen, muss der Off-label-Gebrauch von antiviralen Arzneimitteln in Betracht gezogen werden. Denn nach gängigen Simulationsmodellen besteht die Möglichkeit, dass sich die pandemische Phase über sechs Wochen hinaus ausdehnen wird. Hierbei ist jedoch im Rahmen der Regelbetreuung zu beachten, dass die Haftung des pharmazeutischen Unternehmens gemäß § 84 Arzneimittelgesetz nur greift, wenn das Arzneimittel bei „bestimmungsgemäßen Gebrauch“ schädliche Wirkungen hat. Ein bestimmungsgemäßer Gebrauch kann auch dann vorliegen, wenn der entsprechende Off-label-Gebrauch des Arzneimittels dem pharmazeutischen Unternehmer bekannt ist und er dem Gebrauch nicht widersprochen hat.

Für den Arzt bedeutet dies, dass ihm bei Einsatz über den von der Zulassung abgedeckten Zeitraum hinaus gegenüber dem Patienten eine gesteigerte Aufklärungspflicht zukommt. Der Patient ist darüber aufzuklären, dass er mit einem Präparat in einer Art und Weise behandelt wird, die nicht in klinischen Studien erprobt worden ist, und dass der Einsatz des Arzneimittels möglicherweise bisher noch unbekannte bzw. unentdeckte Risiken in sich birgt. Es empfiehlt sich, die Aufklärung ausdrücklich zu dokumentieren und eine schriftliche Einwilligung des Patienten einzuholen. Aufgrund der Ausnahmesituation kann überlegt werden, unterstützende Aufklärungsformulare anzuwenden.

8.2 Fazit und Empfehlung

Bund und Länder beabsichtigen, sich für den therapeutischen Einsatz für bis zu 20 % der Bevölkerung mit Neuraminidaseinhibitoren zu bevorraten, so wie es auch die Empfehlungen der Ärzteschaft vorsehen. Daneben wurden gesetzliche Bestimmungen geändert, die den Arbeitgebern erlauben, sich ausreichend für ihre Beschäftigten mit antiviralen Arzneimitteln zur Postexpositions- und Langzeitprophylaxe zu bevorraten. Insbesondere haben sich bereits international agierende Konzerne und Großunternehmen sehr früh auf einen Pandemiefall vorbereitet und auch mit antiviralen Arzneimitteln bevorratet. Es wird berichtet, dass zunehmend auch mittelständische Unternehmen mithilfe von Betriebsärzten Pandemienotfallpläne erstellen und sich anhand dieser Pläne auf den möglichen Katastrophenfall einstellen. Dieser Aufgabe sollten sich alle Betriebe stellen. Dies schließt auch die Konzeption der allgemeinen Hygienemaßnahmen ein, z. B. bei beruflicher Exposition auch die Bevorratung von Atemschutzmasken.

Die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung haben bereits Pandemienotfallpläne für ärztliche Organisationen und für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte verfasst. Darüber hinaus haben sie weitere Empfehlungen für ärztliche Institutionen, für Ärztinnen und Ärzte sowie für Patien-

ten erarbeitet, die auch die Empfehlung beinhalten, dem medizinischen Personal eine antivirale Prophylaxe anzubieten. Unter www.bundesaerztekammer.de sind diese Informationen im Internet abrufbar. Derzeit erstellen Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung gemeinsam mit der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege Pandemienotfallpläne in Form von Checklisten für die Arztpraxis.

Das Bundesministerium für Gesundheit sowie die Landesgesundheitsbehörden erkennen einerseits das Erfordernis für Arbeitgeber an, antivirale Arzneimittel zu bevorraten, sehen aber andererseits bisher keinen Regelungsbedarf für weitere schützenswerte Gruppen, die nicht unter arbeitsschutzrechtliche Bestimmungen fallen, wie Kinder bzw. alte und chronisch kranke Menschen, und die daher möglicherweise nicht mit antiviralen Arzneimitteln zur Postexpositionsprophylaxe versorgt werden (können).

Aus ärztlicher Sicht muss dafür Sorge getragen werden, allen Bevölkerungsgruppen mit hohem Expositionsrisiko bei gegebener Indikation eine Postexpositionsprophylaxe, insbesondere in der ersten Phase der Influenzapandemie, zu ermöglichen.

Hierzu sind von der Politik praktikable Konzepte gemeinsam mit Krankenversicherungen und Ärzteschaft zu entwickeln, die den Zugang zu antiviralen Arzneimitteln und die Finanzierung zum Zweck des prophylaktischen Einsatzes gewährleisten können.

Es wird nicht verkannt, welche finanziellen Anstrengungen dies vor dem Hintergrund des potenziell großen betroffenen Personenkreises bei gleichzeitig bestehender Notwendigkeit zur therapeutischen Anwendung dieser Arzneimittel impliziert. Umso notwendiger und dringlicher sind Bevorratungs- und Verteilungskonzepte zu erstellen. Da diese Arbeiten auf vielen Ebenen zu vollziehen sind, stellen sie eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar.

1 Die Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Tätigkeit mit biologischen Arbeitsstoffen (BioStoffV vom 27. 1. 1999) dient in Verbindung mit dem Arbeitsschutzgesetz der Umsetzung der EG-Richtlinie 90/679/EWG des Rates vom 26. 11. 1990 über den Schutz der Arbeitnehmer gegen Gefährdung durch biologische Arbeitsstoffe bei der Arbeit. Es wird dort unterschieden in gezielte und nicht gezielte Tätigkeiten. „Gezielte Tätigkeiten“ sind diejenigen, bei denen der biologische Arbeitsstoff mindestens der Spezies nach bekannt ist, die Tätigkeiten auf einen oder mehrere biologische Arbeitsstoffe unmittelbar ausgerichtet sind und die Exposition der Beschäftigten im Normalbetrieb hinreichend bekannt oder abschätzbar ist. Dies ist z. B. in Gentechnik-Laboratorien der Fall. „Nicht gezielte Tätigkeiten“ liegen dann vor, wenn mindestens eine der Voraussetzungen nach den o. g. Kriterien nicht gegeben ist. Dies ist der Fall bei Tätigkeiten im Gesundheitswesen. Da im Gesundheitswesen die Gefahren primär nicht abzuschätzen sind, sind Gefährdungsbeurteilungen nach § 7 BioStoffV durchzuführen. Je nachdem welches Infektionsrisiko von den biologischen Arbeitsstoffen ausgeht, sind sie in vier Risikogruppen einzuteilen und die Sicherheitsmaßnahmen in Schutzstufen einzuordnen. Kann die Tätigkeit einer Schutzstufe zugeordnet werden, sind im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung die in Betracht kommenden Schutzmaßnahmen zu ermitteln und die erforderlichen Schutzmaßnahmen so auszuwählen und festzulegen, dass die Gefährdung der Beschäftigten dadurch so weit wie möglich verringert wird. Um effektive Schutzmaßnahmen treffen zu können, ist eine vorhergehende Gefährdungsbeurteilung im Bereich des Gesundheitswesens unabdingbar.