Empfehlungen zum Einsatz antiviraler Arzneimittel für die Postexpositions- und Langzeitprophylaxe während einer Influenzapandemie

Fallbeispiele ärztlicher Entscheidungssituationen im Pandemiefall

1. Ein Patient stellt sich noch symptomlos vor. Er ist hochgradig exponiert und möglicherweise schon infiziert, weil er seinen frisch erkrankten Ehepartner zu Hause pflegt. Er wünscht für sich und für die drei im Haushalt lebenden Kinder die Verordnung einer Postexpositionsprophylaxe mit Neuraminidaseinhibitoren, um diese und sich selbst vor einer Erkrankung zu schützen.

Überlegungen für die ärztliche Entscheidung

  • Bei intensiven Haushaltskontakten gelten aus Gründen der unzureichenden Praktikabilität übliche nicht medikamentöse Prophylaxemaßnahmen (Isolierung, Atemschutzmasken u. Ä.) mit Ausnahme des Händewaschens und der Händedesinfektion als wenig effektiv.
  • In der geschilderten Situation besteht eine begründete individuelle Indikation für eine medikamentöse Postexpositionsprophylaxe. Sie steht im Einklang mit der arzneimittelrechtlichen Zulassung von Oseltamivir und Zanamivir.

2. Mehrere nicht ärztliche Mitarbeiterinnen ärztlicher Praxen stellen sich jeweils symptomlos bei einem anderen Arzt mit dem Wunsch vor, bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs eine medikamentöse Langzeitprophylaxe zu erhalten. Sie sind berufsbedingt durch zahlreiche Kontakte mit frisch Influenzaerkrankten exponiert.

Überlegungen für die ärztliche Entscheidung

  • Der Praxisinhaber ist hier als Arbeitgeber gemäß Biostoffverordnung (BioStV) für (umfassende) Schutzmaßnahmen seiner Angestellten bei beruflicher Exposition verantwortlich und hat sich aufgrund eines in der interpandemischen Phase erstellten Pandemienotfallplans mit Händedesinfektionsmitteln, Schutzhandschuhen, Schutzkitteln, Atemschutzmasken sowie antiviralen Arzneimitteln zur Postexpositions- oder Langzeitprophylaxe etc. zu bevorraten. Die Praxismitarbeiterinnen sollten sich somit an ihren Arbeitgeber wenden. Er wird die antiviralen Arzneimittel nach sorgfältiger individueller Risikoabwägung verabreichen. Expositionsmaßnahmen sind hierbei gleichermaßen zu treffen.

3. Eine freigestellte Krankenschwester, die nach dem Pandemieplan der Klinik bei Ausfall des Stammpersonals als Reservekraft die Patientenversorgung sichern soll, stellt sich symptomlos vor. Sie wünscht für sich eine medikamentöse Langzeitprophylaxe, obwohl sie zurzeit keinen Patientenkontakt hat.

Überlegungen für die ärztliche Entscheidung

  • Ohne erhöhte berufliche oder sonstige Exposition, die eine über das Infektionsrisiko der Allgemeinbevölkerung hinausgehende Gefährdung darstellt, ist weder eine medikamentösen Postexpositions- noch eine Langzeitprophylaxe gerechtfertigt.
  • Maßnahmen zur Herabsetzung einer potenziellen Übertragung [BioStV] treten erst mit Beginn der Tätigkeit unter exponierten Bedingungen in Kraft.

4. Mehrere Mitarbeiter einer Regierungs- oder örtlichen Verwaltungsbehörde stellen sich symptomlos vor und wünschen eine Langzeitprophylaxe mit dem Ziel, die Funktionsfähigkeit ihrer Dienststellen, die viele Bürgerkontakte implizieren, aufrechtzuerhalten.

Überlegungen für die ärztliche Entscheidung

  • Im Pandemiefall wird die zuständige Regierungs- und örtliche Behörde zu entscheiden haben, ob die Behörde geschlossen wird, direkte Bürgerkontakte minimiert werden (Kontakt z. B. nur noch per Telefon oder E-Mail) oder ob bestimmte Personen Präsenzpflicht haben.
  • Idealerweise sind diese Überlegungen schon in der interpandemischen Phase im Rahmen eines behördlichen Pandemienotfallplans angestellt worden, sodass im Pandemiefall zielgerichtet gehandelt werden kann.
  • Die zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung unbedingt notwendige Mindestzahl von Mitarbeitern in Regierungs- und örtlichen Verwaltungsbehörden mit Präsenzpflicht sollte zunächst die nicht medikamentösen Maßnahmen zur Expositionsprophylaxe (kein Händeschütteln, Händedesinfektion, Atemschutzmasken u. Ä.) anwenden.
  • Eine generelle medikamentöse Langzeitprophylaxe für diesen Personenkreis ist aus Gründen der möglichen Zunahme von Resistenzen und der frühzeitigen Erschöpfung der Arzneimittelvorräte nicht zu empfehlen.
  • Eine Ausnahme von dieser Empfehlung bilden die Schutzgruppen mit notwendigerweise vielen direkten Bürgerkontakten (Polizei, Feuerwehr, Zoll u. Ä.). Als Ergebnis einer Gefährdungsanalyse kann in solchen Fällen eine Langzeitprophylaxe mit antiviralen Arzneimitteln indiziert sein, die immer unter ärztlicher Verantwortung erfolgen muss.