Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Dr. h. c. Jörg-Dietrich Hoppe

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Jörg-Dietrich Hoppe einen Arzt, der sich in seiner ärztlichen Tätigkeit und mit seinem berufspolitischen Engagement herausragende Verdienste erworben hat. Er war die Integrationsfigur der deutschen Ärzteschaft der vergangenen Jahre. Die Arbeit der Bundesärztekammer hat er als langjähriger Präsident maßgeblich geprägt. Dabei konfrontierte er Ärzte, Politik und Öffentlichkeit auch mit unbequemen Wahrheiten. Wichtige Debatten gehen auf ihn zurück, wie etwa die über die Ökonomisierung der Medizin und eine versteckte Rationierung. Ein besonderes Anliegen waren ihm darüber hinaus ethische Fragestellungen und die Förderung der Palliativmedizin. Durch seinen Einsatz, aber auch durch seine herausragende Persönlichkeit erwarb er sich breite Anerkennung. Jörg-Dietrich Hoppe hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Jörg-Dietrich Hoppe wurde am 24. Oktober 1940 in Thorn an der Weichsel als Sohn eines Studiendirektors geboren. Als Kind floh er mit seiner Familie aus der Heimat und besuchte nach der Volksschule das St. Michael-Gymnasium in Bad Münstereifel, später das Humanistische Gymnasium in Köln-Mülheim, an dem er 1960 die Abiturprüfung ablegte. Im gleichen Jahr schrieb er sich für das Fach Humanmedizin an der Universität zu Köln ein. 1966 wurde er zum Dr. med. promoviert. Seine Dissertation trägt den Titel „Krankheitsdauer und Überlebenszeit bei Para-proteinaemien“.

Nachdem er ab 1966 als Medizinalassistent in Köln, Recklinghausen und Hamm tätig gewesen war, erhielt er 1968 die ärztliche Approbation. Seine erste Stelle als Assistenzarzt trat er am Städtischen Krankenhaus Solingen an. 1975 erwarb er die Facharztbezeichnungen für Pathologie und Allgemeinmedizin. 1977 wurde er Oberarzt am Institut für Pathologie des Städtischen Krankenhauses Solingen. Ein Jahr später wechselte er in die Pathologie des Krankenhauses Düren. Dort war er zunächst als Oberarzt tätig, dann von 1982 bis 2006 als Chefarzt. 1987 wurde er Lehrbeauftragter am Institut für Rechtsmedizin der Universität zu Köln. 1994 ernannte ihn die Medizinische Fakultät der Universität zu Köln zum Honorarprofessor.

Schon als junger Arzt begann Hoppe sich für die Belange seiner Kolleginnen und Kollegen einzusetzen. 1970/71 organisierte er im Streit um eine adäquate Vergütung von Bereitschaftsdiensten den ersten Streik des Marburger Bundes mit, der auch als „Bleistiftstreik“ bekannt wurde. Im Zuge dessen entdeckte er seine Leidenschaft für die ärztliche Berufspolitik. Geprägt wurde sein Engagement sicherlich durch seinen Doktorvater und damaligen Chef, Professor Ulrich Kanzow, einen der Mitbegründer des Marburger Bundes. 1971 wurde er zum Assistentensprecher am Städtischen Krankenhaus in Solingen gewählt. In diesem Jahr nahm er auch zum ersten Mal an einer Hauptversammlung des Marburger Bundes teil. Schon im Jahr 1975 wurde er zweiter Vorsitzender der Ärztegewerkschaft. Darüber hinaus fungierte er von 1976 bis 1991 als Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz. Zehn Jahre – von 1979 bis 1989 – war er Bundesvorsitzender des Marburger Bundes.

Im Rahmen seines berufspolitischen Engagements übernahm er auch Aufgaben in der Kammerarbeit. 1975 wurde er zum Vizepräsidenten der Ärztekammer Nordrhein gewählt. Als Vertreter der angestellten Ärzte wurde er zudem Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer. Ab 1993 war Hoppe Präsident der Ärztekammer Nordrhein und somit Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer. Im Juni 1999, auf dem 102. Deutschen Ärztetag in Cottbus, kandidierte er schließlich für das Amt des Präsidenten der Bundesärztekammer. Trotz starker Konkurrenz erhielt er auf Anhieb 74 Prozent der Stimmen. Zweimal wurde er dann in der Folge mit noch deutlicherer Mehrheit in seinem Amt an der Spitze der Ärzteschaft bestätigt. Auf dem 114. Deutschen Ärztetag 2011 in Kiel stellte er sich nicht mehr zur Wahl.

In seiner 12-jährigen Amtszeit als Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages hat Hoppe Außerordentliches geleistet. Zunächst profilierte er sich vor allem mit Fragen der ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung. Er trug dazu bei, dass auf dem Ärztetag 1992 die Weiterbildungsordnungen von Ost und West zusammengeführt werden konnten. Stets war er um Ausgleich bemüht und plädierte für ein einheitliches Auftreten der Ärzteschaft. Mit seiner integren Art erwarb er sich den Respekt der Kolleginnen und Kollegen – über alle Fachgruppen und Verbände hinweg. Er stellte nie die eigene Person in den Vordergrund, sondern immer die Sache. Ein lautes Auftreten hatte er nicht nötig, um sich Gehör zu verschaffen. Bei den großen Ärzteprotesten 2006 stellte er sich an die Spitze der Bewegung und wandte sich gegen die Unterfinanzierung des Gesundheitswesens. Das auf dem Ärztetag 2008 beschlossene Ulmer Papier trägt seine Handschrift. Hoppe hat immer wieder unbequeme Wahrheiten angesprochen. Genau das führte dazu, dass entscheidende Debatten angestoßen wurden. So wandte er sich gegen die Kostendämpfung im Gesundheitswesen, die die Rationierung im Endeffekt den Ärztinnen und Ärzten aufbürdet. Stattdessen plädierte er für eine Priorisierung medizinischer Leistungen. Auch wenn diese Einschätzung teils heftige Kritik auslöste, hatte er mit seinen Äußerungen eine notwendige Diskussion in Gang gebracht.

Das Bestreben nach Harmonie und Ausgleich innerhalb der Ärzteschaft hinderte ihn nicht daran, mahnend auf seine Kollegen einzuwirken. „Ärzte sind keine Kaufleute, Patienten sind keine Kunden“, war ein entscheidender Grundsatz Hoppes. Entsprechend warnte er eindringlich davor, mit individuellen Gesundheitsleistungen Missbrauch zu treiben. Dadurch sah er den Kern ärztlichen Handelns bedroht: das Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient. Auch einer schematischen, mechanistischen und bürokratischen Vorstellung von Medizin erteilte er eine klare Absage. Die ärztliche Therapiefreiheit, die sich am individuellen Bedürfnis des Patienten orientiert, war für ihn ein hohes Gut. Damit hat er zweifelsohne zu einer Stärkung des Arztberufs als freiem Beruf beigetragen. Immer wieder hat er auf Grundsatzdebatten über den Kern ärztlicher Haltung hingewirkt. So hat er verhindert, dass diese zentralen Fragen zu einem guten ärztlichen Handeln im Alltag und unter dem Druck einer fortschreitenden Ökonomisierung der Medizin in Vergessenheit geraten. Zuwendung und Barmherzigkeit waren für ihn wichtige ärztliche Handlungsmotive.

Seine christlich-humanistische Überzeugung zeigte sich auch darin, dass er immer wieder zu ethischen Themen Stellung bezog. Dazu zählen insbesondere die Sterbehilfe und der ärztlich assistierte Suizid. Über viele Jahre setzte er sich für eine Förderung der Palliativmedizin ein und hat damit zu einer besseren Versorgung Sterbender beigetragen. Die Themen, derer er sich annahm, waren für die Arbeit der Bundesärztekammer in den vergangenen Jahren richtungsweisend.

Dass Hoppe ein so hohes Ansehen genoss, lag sicher an seiner inhaltlichen Arbeit, aber auch an seiner herausragenden Persönlichkeit.
Glaubwürdig, authentisch, den richtigen Ton treffend, ausgleichend und zugleich unbequem: so wird er von Weggefährten beschrieben – auch von denen, die nicht seiner Meinung waren. Die Sitzungen bei Deutschen Ärztetagen hat er stets souverän geleitet und immer wieder durch seinen feinsinnigen Humor bereichert. Er war ein neugieriger, umfassend interessierter Mensch. Zu erwähnen ist insbesondere seine Liebe zur Musik und zum Violinspiel.

Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Ehrenreflexhammers des Marburger Bundes und die Adolf-Schmidt-Medaille des Medizinischen Fakultätentages. Er war Ehrenvorsitzender des Marburger Bundes und Ehrenpräsident der Bundesärztekammer. Die rumänische Universität für Medizin und Pharmazeutik „Victor Babes“ in Timisoara verlieh ihm 2002 die Ehrendoktorwürde.
Am 7. November 2011 starb Jörg-Dietrich Hoppe im Alter von 71 Jahren nach schwerer Krankheit. Er hinterließ seine Ehefrau Erika und drei erwachsene Kinder. Die Anteilnahme in der Ärzteschaft sowie aus allen Teilen von Politik und Öffentlichkeit war enorm. Bis zu seinem Tod war er Präsident der Ärztekammer Nordrhein und somit der ärztlichen Selbstverwaltung eng verbunden. Die deutschen Ärztinnen und Ärzte sind ihm für seinen wegweisenden Einsatz zu besonderem Dank verpflichtet.


115. Deutscher Ärztetag in Nürnberg, 22. Mai 2012
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident