Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Dr. med. Winrich Mothes

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Winrich Mothes einen Arzt, der sich in seiner ärztlichen Tätigkeit und mit seinem berufspolitischen Engagement herausragende Verdienste erworben hat. Seine freiheitliche Weltanschauung hat er auch während der DDR-Zeit vertreten. Er bewies Rückgrat und Standfestigkeit, obwohl ihm dadurch Nachteile drohten – zunächst im Medizinstudium und später im Rahmen seiner ärztlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit. Nach der Wende hatte er maßgeblichen Anteil am Aufbau der ärztlichen Selbstverwaltung. So war er Gründungsmitglied der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern und bis 2011 deren Vizepräsident. Vorbildlich war außerdem sein Einsatz für die Kinderchirurgie. Unter anderem baute er in Schwerin eine der ersten eigenständigen Abteilungen für dieses Fach auf. Winrich Mothes hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Winrich Mothes wurde am 6. Oktober 1935 in Königsberg als Sohn des Botanikers und Biochemikers Professor Kurt Mothes und seiner Ehefrau Hilda, einer promovierten Pädagogin, geboren. Er wuchs gemeinsam mit drei Geschwistern auf. Die Grundschule konnte er zunächst nur bis 1944 besuchen. Das Haus, in dem die Familie lebte, wurde bei einem Bombenangriff zerstört, sodass ein Umzug zu Verwandten ins mecklenburgische Plau erfolgte. Seine Abiturprüfung legte er 1953 am humanistischen Gymnasium in Quedlinburg ab. Dann schrieb er sich für das Fach Humanmedizin an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ein. Nach dem Physikum wurde er allerdings relegiert, weil seine Haltung und Einstellung nicht mit der Weltanschauung der DDR in Einklang zu bringen war. Die Leipziger Universität ließ ihn jedoch sein Medizinstudium fortsetzen, sodass er 1958 sein Staatsexamen absolvierte. Ein Jahr später wurde er von der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig zum Dr. med. promoviert. Das Thema seiner Dissertationsarbeit lautete „Zur Behandlung der Schenkelhalspseudarthrosen unter besonderer Berücksichtigung der Doppelbolzung nach K. H. Bauer“. Sie entstand an der Chirurgischen Universitätsklinik in Leipzig unter Leitung von Professor Uebermuth. Betreuer seiner Doktorarbeit war Professor Kothe.

Nach dem ersten Pflichtassistentenjahr am Universitätsklinikum Halle und dem Poliklinikabschnitt, ebenfalls in Halle, absolvierte er ab November 1960 einen sechsmonatigen Aufenthalt in Oxford. Dort bildete er sich im Radcliff Infirmary bei Sir Robert
Macintosh im Fachgebiet Anästhesie weiter. Nach seiner Rückkehr erfolgte die Weiterbildung im Fach Chirurgie bei Professor Otto Scholz in Stralsund. Die Facharztbezeichnung erwarb er 1965. Die alleinige chirurgische Qualifikation reichte dem jungen, ambitionierten Arzt jedoch nicht aus, denn sein spezielles Interesse galt der Kinderchirurgie. Von Oktober 1965 bis November 1966 qualifizierte er sich in diesem Bereich im Rahmen seiner Tätigkeit bei Professor Waldemar Hecker in Heidelberg. Ab 1967 arbeitete er als chirurgischer Oberarzt im Bezirkskrankenhaus Stralsund – mit der Zuständigkeit für die Belange der Kinderchirurgie. 1969 legte er sein kinderchirurgisches Facharztexamen bei der Zentralen Fachkommission in Erfurt ab. Damit gehörte er zu den ersten Fachärzten dieser Disziplin in der DDR.
Anfang der Siebzigerjahre erging ein Ministerratsbeschluss, in allen Bezirkskrankenhäusern der DDR kinderchirurgische Abteilungen zu gründen. Mothes – auf dessen Expertise man nicht verzichten konnte – erhielt den Auftrag, am Bezirkskrankenhaus in Schwerin eine selbstständige kinderchirurgische Klinik aufzubauen. Ab 1974 widmete er sich mit vollem Einsatz dieser Aufgabe. 1983 wurde die neue Abteilung schließlich organisatorisch von der Erwachsenenchirurgie getrennt. Bis zum Eintritt ins Rentenalter im Jahr 2000 war er als Chefarzt in der von ihm gegründeten Abteilung tätig. In dieser Zeit bildete er in Schwerin ganze Generationen von jungen Ärzten zu kompetenten Kinderchirurgen aus. Sein umfangreiches Wissen und seine klinische Erfahrung, die sich nicht zuletzt in einer Vielzahl von Publikationen und Fachvorträgen ausdrücken, verhalfen der Klinik zu nationalem und internationalem Ansehen.

Allerdings musste Mothes im Verlauf seiner Karriere immer wieder Nachteile durch seine gradlinige Art und aufrichtige Haltung in Kauf nehmen. So wurden gegen seine Habilitation politische Bedenken vorgebracht, was sein Fortkommen als Wissenschaftler nachhaltig behinderte. Davon ließ er sich allerdings nicht beirren. Vielmehr widmete er sich zielstrebig mit seinem ganzen Können der Behandlung und Versorgung kinderchirurgischer Patientinnen und Patienten. Darüber hinaus war er Mitglied der Zentralen Fachkommission für Kinderchirurgie an der Akademie für Ärztliche Fortbildung der DDR und engagierte sich in der Sektion Kinderchirurgie der Gesellschaft für Chirurgie der DDR.

Nach der Wende wurde ihm schließlich die Anerkennung zuteil, die ihm zuvor verweigert worden war. Seine Meinung und sein Rat waren gefragt, als es galt, die Struktur des DDR-Gesundheitswesens umzubauen. 1995 wurde er stellvertretender Ärztlicher Direktor des Medizinischen Zentrums Schwerin. Ein Jahr später wurde er zum Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Medizinischen Zentrum Schwerin berufen. In dieser Funktion war er sowohl für Kinderchirurgie als auch für die Kinderklinik verantwortlich.
Mothes hat sich um das Fach Kinderchirurgie außerordentliche Verdienste erworben. Er gehörte nach der Wende einer Arbeitsgruppe an, die die wissenschaftlichen kinderchirurgischen Fachgesellschaften von DDR und Bundesrepublik zusammenführen sollte. Dabei erwarb er sich hohe Anerkennung und wurde 1993 zum Kongresspräsidenten gewählt. Von 1996 bis 1997 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie. Er war darüber hinaus Mitglied des Forschungsstiftungsvorstandes der Vereinigung Norddeutscher Chirurgen. 1999 wurde er zum Lehrbeauftragten der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock ernannt. Mothes begrüßte ausdrücklich die Einführung der Facharztbezeichnung für Kinderchirurgie auf dem Deutschen Ärztetag 1992. Der entsprechende Antrag kam aus Mecklenburg-Vorpommern.
Am Aufbau der ärztlichen Selbstverwaltung nach der Wende war Mothes maßgeblich beteiligt. Er war Gründungsmitglied der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern. Endlich konnte er seine Vorstellung von ärztlicher Haltung uneingeschränkt vertreten. Der Bruch der ärztlichen Schweigepflicht – in der DDR von den Ärzten praktiziert, die mit der Staatssicherheit zusammenarbeiteten – war für ihn nicht hinnehmbar. Den Wert eines vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnisses hat er stets als Mitglied des Ausschusses „Berufsordnung“ der Bundesärztekammer vertreten. In Mecklenburg-Vorpommern gehört er dem Ausschuss „Rehabilitierung von Opfern des DDR-Systems“ an. Die Geschicke der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern hat er maßgeblich geprägt, von 1992 bis 2011 als Vizepräsident. Viele Jahre war er Fachbeisitzer für Kinderchirurgie, bei der Kammer engagierte er sich außerdem als Vorsitzender des Weiterbildungsausschusses.
Neben seiner ärztlichen Tätigkeit sowie seinem Einsatz in wissenschaftlichen Fachgesellschaften und der Selbstverwaltung war Mothes auch in der evangelischen Kirche aktiv. Er war viele Jahre gewählter Synodaler der Vorpommerschen Landeskirche und stellte seine Fähigkeit zu Kommunikation und Toleranz sowie seinen Gerechtigkeitssinn unter Beweis.

Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Preis der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Chirurgie an den Universitäten Greifswald und Rostock sowie die Medaille für treue Dienste im Gesundheits- und Sozialwesen in Gold. Zweimal wurde er mit dem Tiburtius-Preis des Medizinischen Zentrums Stralsund geehrt. Die Ernennung zum Medizinalrat lehnte er konsequent ab, weil diese „Ehrung“ für ihn den Bezug zur Leistung als Arzt völlig verloren hatte. Nach der Wende, im Jahr 2003, wurde er mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Winrich Mothes ist auch heute, mit 76 Jahren, der ärztlichen Selbstverwaltung eng verbunden. Er ist nach wie vor Mitglied im Vorstand der Landesärztekammer Mecklenburg-Vorpommern. Unter seinen Kollegen genießt er hohes Ansehen – nicht zuletzt, weil er ein Mensch ist, der zu seinen Überzeugungen steht, auch wenn diese unbequem sind. Seit 1961 ist er mit seiner Frau
Helga, einer Lehrerin, verheiratet. Das Ehepaar hat drei Kinder und acht Enkel.

115. Deutscher Ärztetag in Nürnberg, 22. Mai 2012
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident