Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Hans-Bernhard Wuermeling

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Hans-Bernhard Wuermeling einen Arzt, der sich in seiner ärztlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit seinem ehrenamtlichen und berufspolitischen Engagement herausragende Verdienste erworben hat. 22 Jahre lang, bis zu seiner Emeritierung 1995, war er Lehrstuhlinhaber für das Fach Rechtsmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sein besonderes Interesse galt außerdem medizinethischen Fragestellungen, insbesondere den Themen In-vitro-Fertilisation, Sterbehilfe und Hirntod. Er ist Gründungspräsident der Akademie für Ethik in der Medizin und war viele Jahre Vorsitzender der Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer. Darüber hinaus war er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer. Hans-Bernhard Wuermeling hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Hans-Bernhard Wuermeling wurde am 6. Februar 1927 in Berlin-Schöneberg als ältester Sohn von Franz-Josef Wuermeling – dem späteren CDU-Politiker und ersten Bundesfamilienminister – und seiner Ehefrau Maria geboren. Er wuchs gemeinsam mit vier Geschwistern in einem katholisch geprägten Elternhaus auf. Während des Krieges musste er im Alter von 14 Jahren Elternhaus und Schule verlassen, um nur wenig jüngere Jungen in einem Lager der Kinderlandverschickung zu betreuen. Mit 16 wurde er für eineinhalb Jahre als Luftwaffenhelfer zum Schutz der Opelwerke in Rüsselsheim und später der Remagener Rheinbrücke eingesetzt. Ende 1944 folgte eine kurze Reichsarbeitsdienstzeit. Die letzten fünf Kriegsmonate verbrachte er dank glücklicher Umstände bei seiner Familie.
Nach einer Tätigkeit als Dolmetscher für die Amerikaner legte er am staatlichen Gymnasium in Linz am Rhein die Abiturprüfung ab und schrieb sich im Jahr 1946 für das Fach Humanmedizin ein. Er studierte in Marburg und Tübingen, bevor er 1951 erfolgreich das Staatsexamen ablegte. Ein Jahr später wurde er zum Dr. med. promoviert. Seine Dissertationsschrift hatte den Titel „Das Schicksal der chirurgisch und medikamentös behandelten Pylorospastiker“. Die Arbeit entstand an der Chirurgischen Klinik der Philipps-Universität in Marburg an der Lahn unter der Leitung von Professor Rudolf Zenker.

Nach dem Medizinstudium und dem Erhalt der ärztlichen Approbation arbeitete er zunächst als Pflichtassistent in der Chirurgischen Universitätsklinik Marburg, wechselte dann an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo er als Volontärassistent im Pathologischen Institut, dann als Assistenzarzt an der Medizinischen Universitätsklinik tätig war. Auf die Frage nach einem ärztlichen Vorbild nennt Wuermeling den Freiburger Pathologen Professor Franz Büchner. Dieser habe hohes wissenschaftliches Niveau mit einer philosophischen Deutung der ärztlichen Tätigkeit zu verbinden gewusst. Büchners öffentlicher Vortrag „Der Eid des Hippokrates“, der sich 1941 gegen den von Goebbels zur Propagierung der Euthanasie und damit des Tötens initiierten Film „Ich klage an“ richtete, gilt als das mutige Zeugnis des geistigen Widerstandes eines Arztes gegen den Nationalsozialismus.

Im Jahr 1957 begann Wuermeling eine Tätigkeit als Assistent am Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg. Seine rechtsmedizinische Weiterbildung erfolgte dort zunächst unter der Leitung von Professor Günther Weyrich, später dann unter Professor Wolfgang Spann. 1966 habilitierte er sich. In seiner Arbeit befasste er sich mit dem Thema „Alkoholresorption und Blutalkoholgehalt“. Nach der Habilitation wurde er Oberarzt. 1972 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Mit dem Weggang Professor Spanns wurde er in Freiburg kommissarischer Institutsleiter und Lehrstuhlvertreter. Im Jahr 1973 erhielt er schließlich einen Ruf auf den Lehrstuhl für Rechtsmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Das dortige Institut für Rechtsmedizin leitete er 22 Jahre – bis zu seiner Emeritierung 1995.
Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind die Alkoholphysiologie und die Verkehrsunfallrekonstruktion, berufsrechtliche sowie bio- und medizinethische Fragen. Er hat zu diesen Themenbereichen zahlreiche Publikationen veröffentlicht. Darüber hinaus war er medizinischer Fachredakteur für das Lexikon „Der Große Herder“. In Erlangen engagierte er sich außerdem in der Selbstverwaltung der Hochschule und fungierte von 1982 bis 1986 als Vizepräsident der Universität. Am Ende seiner Freiburger Zeit war er Vorsitzender des dortigen Studentenwerks.

Herausragende Verdienste hat er sich besonders im Bereich der Medizinethik erworben. Der Anlass, sich erstmals mit einem solchen Thema intensiv zu befassen, war ein Vortrag zur „Rechtmäßigkeit medizinischer Eingriffe“, den er als noch junger Assistenzarzt vor Chirurgen halten sollte. Neben Fragen zum ärztlichen Berufsethos befasste sich Wuermeling vor allem mit ethischen Grenzfragen, wie der In-vitro-Fertilisation, der Sterbehilfe, dem Hirntod, der Gentherapie, dem selektiven Fetozid sowie Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten. Er legte eine Vielzahl von Veröffentlichungen und Abhandlungen zu den Themen vor. Zudem ist er Mitverfasser der Publikation „Christliche Patientenverfügung“ der evangelischen Landeskirche Bayern. Daneben war er für eine Reihe von Gremien tätig. Im Jahr 1986 wurde er zum Gründungspräsidenten der Akademie für Ethik in der Medizin in Göttingen gewählt. Das Amt des Präsidenten der Akademie hatte er bis 1988 inne.

Nicht zuletzt in der ärztlichen Selbstverwaltung war sein Sachverstand gefragt. Von 1988 bis 1999 war er Vorsitzender der Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer. Weit über die Grenzen Bayerns hinaus hat er dieses Gremium verkörpert. Er steht für die Überzeugung, dass die Letztverantwortlichkeit des Arztes nie in den Schatten eines bürokratischen Genehmigungsmechanismus treten darf. Sowohl die Bayerische Landesärztekammer als auch die Bundesärztekammer verdanken ihm eine fundierte Beratung. Von 1986 bis 2004 war er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer. In dieser Funktion war er an der Erarbeitung einer Vielzahl von Richtlinien beteiligt. Für die Politik war Wuermeling ebenfalls beratend tätig: Unter anderem war er von 1987 bis 1989 Mitglied im Nationalen Aids-Beirat. Der Thüringer Landtag ernannte ihn zum Mitglied der Enquete-Kommission „Grenzsituationen des Lebens“. In dieser ehrenamtlichen Funktion wirkte er bis 2003.

Anerkennung und Respekt erwarb er sich, weil er sich gerade in schwierigen Situationen als verlässlicher Mitstreiter erwies. So war er 1992 Sprecher seiner Medizinischen Fakultät in Sachen „Erlanger Baby“. Dabei handelte es sich um den Fall einer hirntoten Schwangeren, die im Erlanger Universitätsklinikum ihr Kind austragen sollte.

Wuermeling ist ein Mann, der für seine Überzeugung eintritt, auch wenn er damit auf Widerstand stößt. Im Jahr 2009 zählte er zu den Erstunterzeichnern der „Marburger Erklärung“. Diese stand unter dem Motto „Für Freiheit und Selbstbestimmung – gegen totalitäre Bestrebungen der Lesben- und Schwulenverbände“ und war eine öffentliche Stellungnahme von Wissenschaftlern,
Publizisten und Vertretern des öffentlichen Lebens. Sie löste massive Kritik aus und wurde als homophob missverstanden. Kern der Erklärung war es, für die Freiheit der Rede einzutreten und besonders Menschen, die unter ihrer sexuellen Orientierung leiden, ärztliche und psychologische Hilfe zuzugestehen.

Hans-Bernhard Wuermeling ist heute, mit 85 Jahren, weiterhin in vielerlei Hinsicht aktiv. Er ist Leiter der Programmkommission der Katholischen Ärztearbeit Deutschlands. Darüber hinaus publiziert er Artikel über medizinische und nichtmedizinische Themen. Er veröffentlicht Rezensionen von Büchern und Ausstellungen in Printmedien und Rundfunk. Er hat sechs Kinder, ein Pflegekind und 25 Enkel. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau 1991 ist er seit 1995 mit der Philosophin Professor Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz verheiratet.

115. Deutscher Ärztetag in Nürnberg, 22. Mai 2012
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident