Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Dr. phil. Siegfried Borelli

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Siegfried Borelli einen Arzt, der sich in seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit seinem ehrenamtlichen Engagement herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. In den Sechzigerjahren baute er die Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Aller-gologie am Biederstein der Technischen Universität München auf, die er bis zu seiner Emeritierung 1995 leitete. Zugleich war er Direktor der auf seine Initiative entstandenen Deutschen Klinik für Dermatologie und Allergie Davos. Bemerkenswert ist vor allem auch sein berufspolitisches Engagement. So nahm er allein an 33 Deutschen Ärztetagen als Delegierter teil. Siegfried Borelli hat sich um die ärztliche Versorgung der Bevölkerung, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Siegfried Borelli wurde am 2. Juni 1924 in Berlin-Wilmersdorf als einziges Kind des Kaufmanns Siegfried Borelli und seiner Ehefrau Irmgard, von Beruf Sekretärin, geboren. Nach der Abiturprüfung, die er 1942 am Humanistischen Gymnasium Berlin-Zehlendorf ablegte, schrieb er sich für das Fach Humanmedizin ein. Er studierte in Berlin, dann in Prag und Hamburg. Unterbrochen vom Militärdienst schloss er sein Studium 1948 ab und wurde zum Dr. med. promoviert. Seine Dissertationsarbeit „Über Aminosäuren im Blutserum – unter besonderer Berücksichtigung des Eiweißmangelzustandes und Hungerödems“ entstand in der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) unter Leitung von Professor Arthur Jones. Neben der Medizin studierte Borelli auch Psychologie. Mit der Arbeit „Charakterologische Untersuchungen unter besonderer Benutzung der Wartegg-Tests“ wurde er 1950 von der Universität Hamburg zum Dr. phil. promoviert.

Seine erste Stelle als Assistenzarzt trat er 1948 am UKE an. Dort war er zunächst in der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik tätig, dann in der Dermatologischen Klinik und Poliklinik. Gleichzeitig begann er eine Weiterbildung unter anderem in Psychotherapie, autogenem Training und Hypnose. 1951 wurde er wissenschaftlicher Assistent an der Dermatologischen Klinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dieser Wechsel sollte seine weitere Laufbahn prägen, denn der Leiter der Klinik, Professor Alfred Marchionini, wurde zu einem wichtigen Vorbild. 1956 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die Hautkrankheiten durch Kontaktstoffe im Friseurberuf zum Privatdozenten. So wurde die Berufsdermatologie schon früh zu einem Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit.

1962 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Schließlich erhielt er 1967 einen Ruf auf eine ordentliche Professur an die Technische Universität (TU) München. Dort wurde er Direktor der neu zu errichtenden Dermatologischen Klinik und Poliklinik, heute Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein der TU München. Diese leitete er bis zu seiner Emeritierung 1995. Zugleich war er Direktor der „Deutschen Klinik für Dermatologie und Allergie Davos“ in der Schweiz. Diese wurde 1960 auf seinen Antrag an den Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung zunächst in der dem Ministerium nachgeordneten Schwerkriegsbeschädig-ten-Klinik Valbella gegründet und von Borelli bis 2001 geleitet.

Als Klinikleiter und Hochschullehrer hat er an der Aus- und Weiterbildung des dermatologischen Nachwuchses mitgewirkt. Rund 150 Ärzte führte er zur Facharztprüfung. Unter seiner Betreuung entstanden etwa 200 Doktorarbeiten und 15 Habilitationen. Viele seiner Schüler wurden Chefärzte und erhielten Professuren. Auch er selbst erwarb viele Qualifikationen: Er ist Facharzt für Dermatologie und Venerologie sowie Facharzt für Arbeitsmedizin. Darüber hinaus hat er eine Vielzahl von Zusatzbezeichnungen – unter anderem Allergologie, Psycho-therapie, Physikalische Therapie und Balneologie sowie Rehabilitationswesen.

Borelli kann auf ein bemerkenswertes wissenschaftliches Lebenswerk blicken. Es umfasst mehr als 500 Publikationen in Fachzeitschriften, Büchern, Handbüchern sowie das sieben Bände und 16 000 Seiten umfassende Nachschlagewerk „Krankheiten der Haut und Schleimhaut durch Kontakte in Beruf und Umwelt“ (1988), das er bis heute als Forschungs-gruppe „Noxenkatalog-Datenbank – Krankheiten des gesamten Menschen durch Schadenskontakte aller Art“ fortführt. Weitere Schwerpunkte seiner breit gefächerten Forschungsaktivitäten lagen auf den Gebieten Andrologie, Sexualmedizin, Psychodermatologie und aus psychologischen Gründen der Kosmetischen Dermatologie. Sein Interesse galt vor allem auch der Atopieforschung – insbesondere dem Bereich der Neurodermitis – und der Wirkung des Klimas im Hochgebirge über 1.500 Metern auf bestimmte chronische Dermatosen.

Neben seinem Engagement als Arzt, Forscher und Hochschullehrer brachte er sich über Jahrzehnte aktiv in die ärztliche Selbstverwaltung ein. Seine berufspolitische Heimat ist der Marburger Bund und heute der Hartmannbund (HB). Er engagierte sich als Delegierter bei Deutschen Ärztetagen und war von 1962 bis 1978 Mitglied im Ausschuss „Arbeitsmedizin“ der Bundesärztekammer (BÄK). Auf Bundesebene fungierte er zudem bis 2004 als Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und von 1985 bis 1993 als Mitglied des KBV-Vorstandes. Er war im gemeinsamen Ausschuss „Rehabilitation“ von BÄK und KBV aktiv. Darüber hinaus war er Mitglied im Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, engagierte sich dort in zahlreichen Gremien und Ausschüssen.

Besonders hervorzuheben sind auch Borellis berufspolitische Aktivitäten auf Landesebene. Von 1976 bis 2004 – also über einen Zeitraum von 29 Jahren – saß er in der Vertreterver-sammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Dem KVB-Vorstand gehörte er elf Jahre lang an. In der Bayerischen Landesärztekammer war er ebenfalls über viele Jahre aktiv. 34 Mal war er Delegierter bei einem Bayerischen Ärztetag. Insgesamt 38 Jahre engagierte er sich im Ärztlichen Kreis- und Bezirksverband München – davon viele Jahre als Vorstandsmitglied und sieben Jahre als Schriftleiter der Münchner Ärztlichen Anzeigen.

Ein wichtiges Anliegen war Borelli stets die ärztliche Fortbildung. Bei einer Vielzahl von Veranstaltungen sowie nationalen und internationalen Kongressen zeigte er herausragenden persönlichen Einsatz – als Vortragender und als Organisator. Beispielhaft genannt seien hier die Fortbildungskongresse „Fortschritte der Allergologie, Immunologie“ in Davos, die Tagungen der „Münchner Allergiegesellschaft am Biederstein“ und die „Davoser Tage“, die unter seiner Federführung stattfanden. Hinzu kommen zahlreiche Fortbildungen an der Dermatologischen Klinik und Poliklinik der TU München. Auch trug er zur Implementierung von Fortbildungen in den neuen Bundesländern bei. 1992 gründete er die gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung der ärztlichen Fortbildung der „Euromed Leipzig“. Insgesamt organisierte er etwa 180 Fortbildungsveranstaltungen. Sein Engagement geht weit über das übliche Maß hinaus.

Für seinen unermüdlichen Einsatz erhielt er zahlreiche Auszeichnungen: die Ernst-von-Bergmann-Plakette der BÄK, den Professor-Janowski-Award der Tschechischen Akademie für Dermatologie, den Franz-Kölsch-Preis für Arbeitsmedizin, die Goldene Ehrennadel der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, die Ehrenmedaille des HB-Landesverbandes Bayern, die Hartmann-Thieding-Medaille des HB-Bundesverbandes, den Bayerischen Verdienstorden, das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (BRD), das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der BRD, das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der BRD sowie das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse „Litteris et Artibus“ der Republik Österreich. Hinzu kommen Ehrenmitgliedschaften zahlreicher nationaler und internationaler Fachgesellschaften – darunter die Jugoslawische, Bulgarische, Polnische sowie Tschechische Dermatologische Gesellschaft, die Tschechische Akademie für Dermatologie, die Deutsche STD Gesellschaft, die Münchner Dermatologische Gesellschaft und die Medizinische Gesellschaft von Oberösterreich.

Borelli, mittlerweile 88 Jahre alt, verfolgt die von ihm angestoßenen Themen nach wie vor mit großer Aktivität. Er ist als ärztlicher Konsiliarius tätig und verbringt viele Monate des Jahres in Davos beziehungsweise in der Schweiz. Als Emeritus führt er die Arbeit der Forschungsgruppe „Noxenkatalog-Datenbank“ fort. Daneben ist er als Autor von Fachpublikationen tätig. Kürzlich war er Mitautor eines Beitrages im Deutschen Ärzteblatt mit dem Titel „Endoprothesenregister: Höchsten Anforderungen genügen“. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Erika, mit der er seit 49 Jahren verheiratet ist, verbringt er gerne Zeit mit seinen vier Enkelkindern. Sowohl Borellis Sohn als auch seine Tochter sind Dermatologen.

116. Deutscher Ärztetag in Hannover, 28. Mai 2013
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident