Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Hermann Hepp

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Hermann Hepp einen Arzt, der sich in seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit seinem ehrenamtlichen Engagement herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. Er ist einer der führenden Vertreter des Faches „Frauenheilkunde und Geburtshilfe“ in Deutschland. Mehr als 20 Jahre war er Direktor der Frauenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München am Klinikum Großhadern. Besonders hervorzuheben ist sein Einsatz für die ärztliche Selbstverwaltung. Seit 1996 ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, seit 2002 Vorstandsmitglied. Er war federführend an vielen Stellung-nahmen und Richtlinien beteiligt – unter anderem zur In-Vitro-Fertilisation und Präimplantationsdiagnostik. Hermann Hepp hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Hermann Hepp wurde am 27. Januar 1934 in Singen am Hohentwiel, Landkreis Konstanz, als drittes von sieben Kindern des Optikermeisters August Hepp und seiner Ehefrau Elisabeth geboren. Nach der Volksschulzeit in Singen besuchte er das humanistische Gymnasium in St. Blasien. Dort legte er 1953 die Abiturprüfung ab und studierte dann zunächst für ein Jahr Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte an der Universität Gregoriana in Rom. 1954 kehrte er nach Deutschland zurück und schrieb sich für das Fach Humanmedizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ein. Nach dem Physikum verbrachte er klinische Semester in Hamburg, Wien und München. 1957 wurde er Stipendiat des Cusanuswerks. Das Staatsexamen absolvierte er 1960 und wurde im gleichen Jahr von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München zum Dr. med. promoviert. In seiner Dissertation, die unter Leitung von Professor Walter Seitz an der Medizinischen Poliklinik der LMU München entstand, befasste er sich mit endokrinologischen und psychosomatischen Aspekten der „Laktation beim Mann“.

Seine erste Assistentenstelle trat er 1962 an der Neurochirurgischen Klinik der Universität Freiburg an. Mit dem Wechsel an die Universitätsfrauenklinik in Freiburg traf er 1963 auf seinen maßgeblichen Lehrer Professor Heinrich Wimhöfer. Dieser förderte ihn in seinem wissenschaftlichen Arbeiten, sodass sich Hepp 1969 mit der Arbeit „Immunologische und biologische Bestimmung der hypophysären Gonadotropine im normalen Zyklus und bei der Behandlung mit Clomifen“ habilitierte. Die Facharztbezeichnung für Gynäkologie und Geburtshilfe erwarb er 1970, wurde wenig später Leitender Oberarzt. Nach dem Tod von Professor Wimhöfer folgte er der Bitte von Professor Volker Friedberg in Mainz zur Übernahme einer Stelle des Leitenden Oberarztes an der dortigen Universitätsfrauenklinik. Bereits 1976 erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl nach Lübeck, den er jedoch ablehnte. 1978 wurde er Ordinarius für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universität des Saarlandes. In Homburg an der Saar fungierte er auch ein Jahr lang als Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums. Schließlich folgte er 1984 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der LMU München und übernahm die Leitung der Universitätsfrauenklinik am Klinikum Großhadern. Diese leitete er bis 2005, obwohl er schon 2002 emeritierte. In seiner Amtszeit wurde die Klinik zu einem der Leuchttürme der Frauenheilkunde in Deutschland.

Hepp genoss nicht nur hohes Ansehen bei seinen Mitarbeitern, sondern kann auch ein bemerkenswertes wissenschaftliches Lebenswerk vorweisen. Etwa 400 Publikationen veröffentlichte er – insbesondere zu den Themen Endokrinologie, operative Gynäkologie/ Onkologie, Reproduktionsmedizin, Diabetes und Schwangerschaft, Extrauteringravidität, Endoskopie, Laser-Gynäkologie sowie Sterilitätsmikrochirurgie. Er war Herausgeber von Fachzeitschriften, unter anderem „Der Gynäkologe“. Hinzu kommen Bücher und Buchbeiträge. Außerdem veröffentlichte er auch Artikel zu bioethischen Fragestellungen seines Faches.

Unter seiner Leitung entstanden 22 Habilitationen, 19 davon in München. Viele seiner Schüler konnten Lehrstuhl- und Chefarztpositionen besetzen. „Er besitzt die wunderbare Fähigkeit, Menschen durch sein Vertrauen stark zu machen und sie zu überragenden Leistungen zu motivieren“, schrieben einige seiner Schüler in einem Beitrag anlässlich seines 75. Geburtstags im „Frauenarzt“. Und Professor Hans Peter Scheidel sagte 2010 in einer Laudatio, Hepp sei nicht nur mit seinem medizinischen Handeln Vorbild gewesen, sondern auch im Umgang mit Menschen. „Deshalb warst und bist du im wahrsten Sinne des Wortes ein Direktor – ein Leiter und Lenker – der junge Menschen gebildet und nicht nur ausgebildet hat.“ Hepp hat nicht nur Fachwissen, sondern eine Haltung vermittelt. Sein oberstes Prinzip war stets das Wohl der Patientin und die Überzeugung, dass Ärzte am Anfang und am Ende des Lebens eine ganz besondere Verantwortung tragen.

Seine Kompetenzen waren an vielen Stellen gefragt. Er engagierte sich in zahlreichen Fachgesellschaften, Gremien und Kommissionen. Besonders hervorzuheben ist dabei seine Präsidentschaft der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) von 1992 bis 1994. Eine historische Leistung in diesem Amt war die Aufarbeitung der Rolle der Frauenärzte im Nationalsozialismus, die er mit Feingefühl und zugleich mit Mut vorantrieb. Der DGGG-Kongress 1994 in München widmete sich diesem Thema.

Viele Jahre fungierte er als Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und war Mitglied der Senatskommission der DFG „Humane embryonale Stammzellen“. Er engagierte sich zudem in den 80er-Jahren als Vertreter der DFG in der Benda-Kommission. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und war deren Obmann für das Fach Gynäkologie. Darüber hinaus ist er Mitglied des Collegium Gynaekologicum, der Görres-Gesellschaft sowie der International Society of Pelvic Surgeons. Außerdem wirkte er in der „European Commission Science, Research Development, Life Science and Technologies” und der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Kunst.
Bemerkenswert ist auch sein Einsatz in der ärztlichen Selbstverwaltung. Seit 1996 ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, seit 2002 Vorstandsmitglied dieses Gremiums. Bereits seit 1983 war er maßgeblich an der Erstellung von Stellungnahmen und Richtlinien des Wissenschaftlichen Beirats zur Pränataldiagnostik, Reproduktionsmedizin, Forschung an Embryonen und zum Schwangerschaftsabbruch beteiligt – in vielen Fällen federführend. Insbesondere sind hier zu nennen die Stellungnahmen zum Regierungsentwurf
und Entwurf einer Rechtsverordnung des PID-Gesetzes 2012, das Memorandum zur Präimplantationsdiagnostik 2011 sowie die (Muster-) Richtlinie zur Durchführung der assistierten Reproduktion von 2006.

Hepp ist ein herausragender Wissenschaftler und zugleich tief verwurzelt in christlich-humanistischen Werten. Die Beschäftigung mit ethischen Fragestellungen zieht sich wie ein roter Faden durch sein Berufsleben. Seit 1996 ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Katholischen Akademie Bayern. Außerdem engagierte er sich in der Kommission der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Katholischen Bischofskonferenz zum Thema Stammzellmedizin. Er hatte den Vorsitz der Ethikkommission am Klinikum Großhadern. Von 1987 bis 1993 war er Mitglied der Zentralen Kommission der Bundesärztekammer zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Reproduktionsmedizin, Forschung an menschlichen Emb-ryonen und Gentherapie.

Für seinen unermüdlichen Einsatz erhielt er zahlreiche Auszeichnungen aus dem In- und Ausland. Er wurde unter anderem mit der Carl-Kaufmann-Medaille der Deutschen Gesell-schaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ausgezeichnet. Er ist Ehrenmitglied des Berufsverbandes der Frauenärzte sowie zahlreicher Fachgesellschaften – unter anderem der Deut-schen, Österreichischen, Ungarischen, Bayerischen, Mittelrheinischen und Niederrheinisch-Westfälischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. 2004 hielt er die Otto-Käser-Gedächtnisvorlesung in Basel.
Hermann Hepp fühlt sich auch heute mit 79 Jahren medizinischen und ethischen Themen verbunden. Nach wie vor ist er Vorstandsmitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer. Darüber hinaus interessiert er sich für zeitgenössische Kunst, Geschichte und Fotografie. Er ist sportbegeistert. Als passionierter Bergwanderer war er bis 2007 im Himalaya unterwegs. Seit 1961 steht ihm seine Ehefrau Ingrid zur Seite. Die beiden haben vier Söhne und sieben Enkelkinder.


116. Deutscher Ärztetag in Hannover, 28. Mai 2013
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident