Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Dr. med. Gisela Albrecht

Dr. med. Gisela Albrecht

 

Die deutschen Ärztinnen  und Ärzte ehren in Gisela Albrecht eine Ärztin, die sich in ihrer klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit ihrem ehrenamtlichen Engagement herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. Als langjährige Chefärztin der Abteilung für Dermatologie im Städtischen Klinikum Spandau in Berlin, später Vivantes Klinikum Spandau, sowie als Ärztliche Direktorin der Einrichtung war sie stets mit vollem Einsatz für ihre Patienten und Mitarbeiter da. Sie fungierte außerdem über lange Zeit als Vorstandsmitglied der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Seit ihrem Eintritt in den Ruhestand setzt sie sich als Geschäftsführerin der Kaiserin- Friedrich-Stiftung in Berlin mit großem Engagement für die ärztliche Fort- und Weiterbildung ein. Gisela Albrecht hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzte-schaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Gisela Albrecht wurde am 12. Februar 1944 in Göttingen als Tochter des Psychiaters Dr. med. Dr. phil. Friedrich Bröcker und seiner Ehefrau Else geboren. Sie wuchs gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester in Bremen auf und legte dort 1963 das Abitur ab. An ihren Traum, ein Studium der Medizin, war zunächst nicht zu denken – und zwar aus finanziellen Gründen. Ihr Vater war früh verstorben und ihre Mutter schwer chronisch krank. So begann Albrecht zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester an den Städtischen Krankenanstalten St. Jürgen in Bremen. Während dieser Zeit wuchs in ihr der Wunsch, Ärztin zu werden, weiter. Besondere Unterstützung und Förderung erfuhr sie durch den Pastor des Bremer Doms, Dr. Walter Dietsch. Er machte sie auf das Evangelische Studienwerk Villigst aufmerksam, das ihr das Medizinstudium ermöglichte.

Albrecht studierte von 1966 bis 1972 in Würzburg, Wien, Heidelberg und München. Neben dem deutschen legte sie auch das amerikanische Staatsexamen ab. Im gleichen Jahr wurde sie von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München zum Dr. med. promoviert. Ihre Dissertation mit dem Titel „Nachweis von Fibrinmonomeren im Nabelvenenblut“ entstand an der Frauenklinik der LMU München. Während ihrer Zeit in München lernte sie ihren späteren Ehemann, den Psychiater und Neurologen, Dr. med. Jochen Albrecht, kennen. Mit ihm ist sie seit 1975 verheiratet.

Nach Studium und Promotion sammelte Albrecht erste Erfahrungen in den Fächern Innere Medizin und Chirurgie im Rahmen der Medizinalassistentenzeit – mit Stationen in Landau an der Isar, Neuburg an der Donau und München. 1974 nahm sie eine Tätigkeit als Assistenz-ärztin in der Abteilung für Plastische Chirurgie an der LMU München auf, wechselte aber wenig später mit ihrem Mann nach Berlin. Dort trat sie eine Stelle in der Hautklinik und Poli-klinik im Klinikum Steglitz der Freien Universität Berlin an. Die Klinik wurde damals von Pro-fessor Hans-Wolfgang Spier geleitet, der für sie zur prägenden Figur und zum Vorbild wurde – fachlich und menschlich. Bereits 1977 erwarb sie die Facharztbezeichnung für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Danach erhielt sie eine zeitlich befristete Assistenzprofessur mit der Funktion einer Oberärztin, ab 1981 eine unbefristete Stelle. Schwerpunkte ihrer Arbeit waren Operationen, vor allem von Hauttumoren, und die gesamte an einer Universität übliche Lehre. Dazu kam eine ausgedehnte wissenschaftliche Tätigkeit. Mittlerweile wurde die Abteilung von Professor Constantin E. Orfanos geleitet. 1983 erhielt sie ein Stipendium an der Universität in Dallas, Texas, USA, wo sie einerseits lehrte und sich andererseits gleichzeitig in Dermatohistopathologie ausbilden ließ.

Kurz nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wurde sie im Oktober 1984 Chefärztin der Abteilung für Dermatologie im Klinikum Spandau, Berlin. Damit war sie die erste Frau, zumin-dest in Westdeutschland, die eine solche Führungsposition in der Dermatologie innehatte. In der Funktion als Chefärztin deckte sie das gesamte Spektrum ihres Faches ab. Sie erwarb die erforderlichen Zusatzbezeichnungen und Befugnisse in Allergologie und Phlebologie, später kamen Proktologie und Umweltmedizin hinzu. Etwa 35 Assistenzärzte bildete sie zum Facharzt weiter. Hinzu kam die Ausbildung von Praktikanten und Stipendiaten. Sie war wei-terhin an wissenschaftlichen Fragestellungen interessiert, hielt eine Vielzahl von Vorträgen und führte zahlreiche Studien durch. Ihre Mitstreiter beschreiben sie als fördernd, aber auch fordernd, dem Patienten zugewandt und immer menschlich. Die Hautklinik in Spandau entwickelte sich in den 25 Jahren ihrer Leitung zu einer modernen und zukunftsfähigen Einrich-tung, die weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt wurde. 1990 wurde Albrecht zunächst stellvertretende, 2001 dann Ärztliche Leiterin des Klinikums Spandau, das wenig später mit allen städtischen Krankenhäusern in Berlin in der Vivantes GmbH zusammengefasst wurde. Nach ihrem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2009 war sie noch dreieinhalb Jahre in der ambulanten Versorgung in einem Hautarztzentrum in Berlin-Tegel tätig.

Neben ihrer praktischen Arbeit als Ärztin beschäftigte sie sich von Anfang an mit gesundheitspolitischen Fragen und engagierte sich vor allem in wissenschaftlichen Fachgesellschaf-ten. Dort war sie hoch geschätzt und anerkannt. So war sie von 1992 bis 2009 Vorstandsmitglied der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Darüber hinaus bekleidete sie das Amt der Generalsekretärin der Deutschen Dermatologischen Akademie. Von 1988 bis 1990 sowie von 2003 bis 2005 fungierte sie außerdem als Präsidentin der Berliner Dermatologi-schen Gesellschaft (BDG). Sie war ferner Delegierte für Berlin im Verband der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands.

Ihren Weitblick stellte sie zu Zeiten der politischen Wende unter Beweis. Zwei Tage nach dem Mauerfall 1989 veranstaltete die BDG eine Tagung am Rudolf-Virchow-Klinikum. Weil es damals keine Telefonverbindung von West- nach Ost-Berlin gab, beauftragte Albrecht zwei Mitarbeiter damit, umgehend Einladungen in die Charité zu bringen – mit der Bitte um weitere Verbreitung. So fand erstmals seit der Teilung der Stadt spontan eine Begegnung zwischen den Dermatologen aus beiden Teilen Berlins statt. Ein Jahr später veranstalteten beide dermatologischen Gesellschaften – aus Ost und West – eine gemeinsame Tagung mit dem Zweck des Zusammenschlusses.

Ein besonderes Anliegen war ihr die Förderung von Dermatologinnen bei der Übernahme von Führungsaufgaben. Im Jahr 2000 gründete sie dazu den Verein „Frauen in der Dermatologie“, deren Präsidentin sie viele Jahre war.

Im Jahr 2009 übernahm sie ehrenamtlich die Geschäftsführung der Kaiserin-Friedrich-Stiftung für das ärztliche Fortbildungswesen in Berlin. Bereits seit 1999 hatte sie sich als Mitglied des Kuratoriums in die Arbeit der Stiftung eingebracht. Albrecht steht für das Motto: inhaltlich anspruchsvolle Fortbildungen zu moderaten Kosten und unabhängig von der Pharmaindustrie. Als Geschäftsführerin hat sie viele Akzente gesetzt, unter anderem mit kostenlosen Kursangeboten für ausländische Ärzte, um die komplexe Struktur des deutschen Gesundheitssystems verständlich zu machen. Die Stiftung betreut Stipendiaten aus vielen Ländern, die als Gastärzte und Weiterbildungsassistenten in deutschen Kliniken arbeiten. Albrecht setzt sich für eine Willkommenskultur ein. „Obwohl die ausländischen Stipendiaten oft jahrelang in einer Klinik arbeiten, sind sie isoliert“, kritisierte sie 2011 in einem Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt. Langfristig kann sie sich eine Akademie für ausländische Kollegen unter dem Dach der Kaiserin-Friedrich-Stiftung vorstellen. Besonders am Herzen liegen ihr außerdem die Wiedereinsteiger-Seminare für Ärztinnen und Ärzte nach berufsfreiem Intervall. Die Nachfrage nach diesen Kursen ist hoch. Von überregionaler Bedeutung sind ebenfalls die Symposien für Ärzte und Juristen, die regelmäßig stattfinden.

Für ihren unermüdlichen Einsatz erhielt sie zahlreiche Ehrungen. Sie wurde unter anderem mit der Louise-Schroeder-Medaille des Landes Berlin und der Günter-Stüttgen-Medaille der BDG ausgezeichnet. Außerdem verlieh ihr die Ärztekammer Berlin die Georg-Klemperer-Medaille. „Ihre Verdienste aufzuzählen, hieße den Rahmen der heutigen Veranstaltung zu sprengen. Besonders herausheben möchte ich ihr Engagement für die Betreuung der ausländischen Ärztinnen  und Ärzte, unter anderem aus Europa, Asien und Afrika“, sagte Kammerpräsident Dr. med. Günther Jonitz in seiner Laudatio.

Gisela Albrecht ist auch mit 70 Jahren weiterhin als Geschäftsführerin der Kaiserin-Friedrich-Stiftung aktiv. „Sie haben der Stiftung Auftrieb und neuen Schwung gegeben“, betonte Professor Niels Sönnichsen, früherer Ordinarius an der Berliner Charité, bei der Verleihung der Günter-Stüttgen-Medaille. Mit diesem Schwung will sie die Kaiserin Friedrich-Stiftung auch in den kommenden Jahren in eine vielversprechende Zukunft führen.

117. Deutscher Ärztetag in Düsseldorf, 27. Mai 2014
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident