Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.päd. Gerhard Trabert

Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.päd. Gerhard Trabert

 

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Gerhard Trabert einen Arzt, der sich in seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit seinem ehrenamtlichen Engagement herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. Sein besonderer Einsatz gilt dem Thema „Armut und Gesundheit“. Bereits in den Neunzigerjahren initiierte er das sogenannte Mainzer Modell – ein niedrigschwelliges, aufsuchendes Angebot für die medizinische Versorgung Wohnungsloser. Er ist Gründer des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“. 2013 gelang es ihm, in Mainz eine Ambulanz für Wohnungslose und Patienten ohne Krankenversicherung einzurichten. Er ist Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden. Gerhard Trabert hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Gerhard Trabert wurde am 3. Juli 1956 in Mainz als einziges Kind des gelernten Werkzeugmachers und späteren Erziehers Emil Trabert und seiner Ehefrau Martha, einer Buchhalterin, geboren. Er wuchs in Mainz auf und verbrachte während seiner Kindheit viel Zeit in dem Waisenhaus, in dem sein Vater damals tätig war. Diese Erfahrung sensibilisierte ihn schon früh für das Schicksal benachteiligter Menschen, für Not und Ungerechtigkeit. Trabert besuchte zunächst die Haupt- und dann die Handelsschule. Nach dem Erwerb des Fachabiturs schrieb er sich 1975 für ein Studium der Sozialarbeit an der Fachhochschule in Wiesbaden ein, das er 1979 als Diplom-Sozialpädagoge abschloss. Es folgte eine mehrjährige Berufstätigkeit im Krankenhaussozialdienst. Von 1983 bis 1989 studierte er Humanmedizin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Während seines Studiums erhielt er ein Stipendium des Evangelischen Studienwerkes Villigst. Nach dem Staatsexamen wurde er von der Universität Mainz zum Dr. med. promoviert. In seiner Dissertation, die am Institut für Arbeits- und Sozialmedizin entstand, befasste er sich mit dem Thema „Gesundheitssituation und medizinische Versorgung von wohnungslosen Menschen“. Gesundheit hatte schon zu diesem Zeitpunkt für ihn immer auch eine soziale Komponente.

Seine erste Stelle trat er als Arzt im Praktikum im Marienkrankenhaus in Flörsheim an, war dann in der Psychosomatischen Abteilung der Rheingau-Taunus-Klinik in Bad Schwalbach tätig. In der Folge arbeitete er rund acht Jahre im DRK-Krankenhaus Alzey. Hier sammelte er Erfahrungen in der Inneren Medizin, Notfallmedizin und Onkologie. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit wurde außerdem die psychosoziale Versorgung gynäkologisch-onkologischer Patientinnen. Trabert erwarb die Facharztanerkennung für Allgemeinmedizin, außerdem die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin.

Von Beginn seiner ärztlichen Tätigkeit an absolvierte er zahlreiche Auslandsaufenthalte, um den Menschen zu helfen, die nicht auf ein funktionierendes Gesundheitswesen zurückgreifen und sich eine medizinische Versorgung finanziell nicht leisten können. Vor allem in Asien und Afrika war er tätig – häufig mit den Organisationen „Ärzte für die Dritte Welt“ und „Humedica“. Zusätzlich organisierte er auf eigene Faust Einsätze. Sein erster Auslandseinsatz überhaupt führte ihn in ein Leprakrankenhaus im indischen Hyderabad. Dort erlebte er, dass die Ärzte die langwierigen Behandlungen direkt in den Dörfern anboten. Die Ärzte suchten also ihre Patienten auf, um so die Erfolgsquoten zu erhöhen. In Indien reifte aber auch sein Entschluss, sich zunächst mit der Armut in seiner Heimat zu befassen, anstatt sich allein im Ausland dieser Problematik zu widmen.

Geprägt von diesen Erfahrungen und von einer Hospitation bei einem Wohnungslosenprojekt in New York, initiierte er 1994 das „Mainzer Modell“. Er startete eine niedrigschwellige medizinische Versorgung für Wohnungslose. 1997 gründete er den Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“, dessen erster Vorsitzender er bis heute ist. Der Verein ermöglichte unter anderem die Anschaffung eines Fahrzeugs. Mit dem „Arztmobil“ sind Trabert und seine Mitstreiter in der Stadt und Umgebung unterwegs und bieten eine aufsuchende ärztliche Hilfe an einschlägigen Punkten an. 2013 dann gelang es ihm, in Räumlichkeiten der Stadt eine Ambulanz für Wohnungslose und Patienten ohne Versicherungsschutz einzurichten. Dort gibt es feste Sprechzeiten von Ärzten verschiedener Fachgebiete. Besonders pensionierte Kolleginnen und Kollegen konnte er für die ehrenamtliche Arbeit gewinnen. Auch eine zahnmedizinische Versorgung wird angeboten. Die 15 Ärztinnen und Ärzte in der „Medizinischen Ambulanz ohne Grenzen“ kümmern sich um diejenigen, die durch die Maschen des Versorgungssystems fallen. Zunehmend beobachtet Trabert, dass sich die Klientel ändert. Neben den Wohnungslosen versorgt er auch immer mehr Selbstständige, die sich ihre Krankenversicherung nicht mehr leisten können, sowie Menschen ohne Papiere und Haftentlassene.

Noch weitere Projekte gehen auf seine Initiative zurück: Dazu zählt unter anderem ein Präventionsprojekt in einer Siedlung für Menschen, die ihre Wohnung verloren haben. In der Initiative „Gesundheit jetzt – in sozialen Brennpunkten“ geht es unter anderem um gesunde Ernährung, Impfaktionen und Bewegungsförderung.

Ob jemand, der in eine prekäre Lage geraten ist, daran eine Mitschuld trägt oder nicht, ist für Trabert nachrangig. Er bringt seinen Patienten Respekt und Wertschätzung entgegen und  favorisiert den Begriff „Gleichwürdigkeit“ des dänischen Therapeuten Jesper Juul. Er erwartet auch keine Dankbarkeit. Allein durch die „authentische Begegnung“ – fernab von Oberflächlichkeit oder Statussymbolen – bekomme er viel zurück, sagt er.

Trabert hilft, wo Hilfe nötig ist. Zugleich übt er aber Kritik an den bestehenden Zuständen und fordert, die Regelversorgung müsse die Menschen auffangen. Immer wieder thematisiert er die Zusammenhänge: Armut macht krank. Krankheit macht arm. „Ein demokratisch-humanistischer Staat muss sich daran messen lassen, wie er mit seinen Schwachen umgeht. Schon jetzt sterben arme Menschen in Deutschland sieben Jahre früher als Wohlhabende“, kritisierte er 2003 in der Frankfurter Rundschau. Sein Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“ ist Mitglied der Nationalen Armutskonferenz (nak). Sie wurde von Initiativen und Wohlfahrtsverbänden als deutsche Sektion des Europäischen Armutsnetzwerks (European Anti Poverty Network) gegründet. Trabert fungierte unter anderem als Mitglied im Sprecherrat sowie als europäischer Delegierter. Nach wie vor ist er Leiter der nak-Arbeitsgruppe „Armut und Gesundheit“ sowie Sprecher der Landesarmutskonferenz Rheinland-Pfalz.

Neben seiner praktischen Arbeit ist er auch Wissenschaftler und hat zahlreiche Fachartikel zu den Themen Armut und Gesundheit, Kinderarmut sowie Armut und Suizidalität veröffentlicht. Von 1999 bis 2009 war er Professor für Medizin und Sozialmedizin im Fachbereich Sozialwesen an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg. Seit 2009 hat er eine Professur für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain in Wiesbaden inne – also dort, wo er sein Sozialpädagogik-Studium absolvierte. Publiziert hat er auch zum Thema Kinder krebskranker Eltern. Außerdem hat er Kinderbücher über Krebs veröffentlicht. 2003 gründete er den Verein „Flüsterpost – Hilfen für Kinder krebskranker Eltern“, dessen erster Vorsitzender er nach wie vor ist. Im Rahmen von Studien widmete er sich diesem bis dahin vernachlässigten Bereich und plädierte für eine kindgerechte Kommunikation über die Erkrankung.

Für seinen unermüdlichen Einsatz erhielt er zahlreiche Ehrungen. Er wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Kinderschutzpreis des Deutschen Kinderschutzbundes, Landesverband Rheinland-Pfalz und dem Günter-Gloser-Preis ausgezeichnet.

Gerhard Trabert steht mit 57 Jahren mitten im Berufsleben, kann aber schon heute auf ein bemerkenswertes Lebenswerk zurückblicken. Seiner Lehrtätigkeit und der medizinischen Versorgung armer Menschen widmet er sich mit vorbildlichem Einsatz. Darüber hinaus opfert er seine Zeit regelmäßig für humanitäre Auslandseinsätze. Zuletzt versorgte er 2012 Gefängnisinsassen in Äthiopien und 2013 syrische Flüchtlinge im Libanon. Trabert lebt in Selzen bei Mainz. In seiner Freizeit geht er täglich in den Weinbergen joggen und begeistert sich für Paartanz sowie Fotografie. Er hat vier erwachsene Kinder.

117. Deutscher Ärztetag in Düsseldorf, 27. Mai 2014
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident