Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Dr. h. c. Volker Diehl

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Volker Diehl

 

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Volker Diehl einen Arzt, Forscher und Hochschullehrer, der sich in seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit seinem ehrenamtlichen Engagement herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. Von 1983 bis 2003 war er Direktor der Medizinischen Klinik I der Universität zu Köln. Schwerpunkt seiner Arbeit war die Hämato-Onkologie. Er war Gründer und Leiter der Deutschen Hodgkin-Studiengruppe und Sprecher des Kompetenznetzes Maligne Lymphome. Mit seiner Forschung hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass die Überlebensraten bei Morbus Hodgkin in den vergangenen Jahrzehnten enorm verbessert werden konnten. Er genießt sowohl national als auch international höchstes Ansehen. Volker Diehl hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Volker Diehl wurde am 28. Februar 1938 in Berlin als Sohn des HNO-Arztes Dr. med. Günther Diehl und seiner Ehefrau Ruth geboren. Er wuchs gemeinsam mit sieben Geschwistern auf. Nachdem die Familie im Krieg ausgebombt worden war, floh sie nach Thüringen, dann nach Herborn in Hessen. Nach dem Abitur 1958 in Dillenburg schrieb er sich für das Fach Humanmedizin ein. Er studierte in Marburg, Wien und Freiburg. Nach dem Staatsexamen absolvierte er ab 1963 seine Zeit als Medizinalassistent an der Freien Universität Berlin. 1966 wurde er von der Universität Freiburg zum Dr. med. promoviert. In seiner Dissertation, die unter Leitung von Professor Theodor Luthard an der Universitätskinderklinik entstand, befasste er sich mit der „Galactoseverwertung in HeLa- und Affennierenzellkulturen“.

Es folgte ab 1966 eine Tätigkeit in den USA, am Children’s Hospital in Philadelphia. Diese Zeit war für ihn als Forscher sicherlich prägend, denn er arbeitete dort mit renommierten Wissenschaftlern wie Werner und Gertrude Henle zusammen. Gemeinsam mit dem Ehepaar Henle konnte Diehl 1967 erstmals zeigen, dass das Epstein-Barr-Virus die infektiöse Mononukleose verursacht. In Philadelphia traf er auch auf den späteren Nobelpreisträger Harald zur Hausen, der für ihn zu einem Wegbegleiter und Freund wurde. Genau wie zur Hausen interessierte sich Diehl für onkogene Viren. 1968 ging er nach Afrika und forschte dort mit Denis Burkitt an der Makerere Universität in Uganda sowie am Kenyatta Hospital in Nairobi, Kenia. Für die Weltgesundheitsorganisation arbeitete er an der ersten Serumsammlung in Gebieten mit endemischem Burkitt-Lymphom in Ostafrika mit. Danach folgte ein Aufenthalt in Schweden, wo er seine klinische und wissenschaftliche Ausbildung fortsetzte. Er war im Radiumhemmet am Karolinska Sjukhuset in Stockholm tätig. 1973 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete am Institut für Virologie der Universität Würzburg unter Harald zur Hausen, der dort einen Lehrstuhl erhalten hatte. Ein Ergebnis seiner Forschung in Würzburg war die Arbeit „Epstein-Barr-Virus (EBV) in lymphoiden Zellen: ein humanes Tumorvirus?“, mit der er sich 1977 habilitierte.

1974 wechselte er an die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) in die Abteilung für Innere Medizin. Während der Zeit an der MHH erwarb er die Facharztbezeichnungen für Innere Medizin sowie für Hämato-Onkologie. 1978 erhielt er eine C3-Professur. Er setzte seine Forschung über maligne Lymphome fort und feierte weitere Erfolge: So gelang es ihm, die für das Hodgkin-Lymphom charakteristischen Reed-Sternberg-Zellen erstmals in vitro zu züchten. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern entdeckte er das CD30-Antigen auf diesen Zellen. Mit der Gründung der Deutschen Hodgkin-Studiengruppe, dessen Vorsitzender er von 1978 bis 2005 war, legte er den Grundstein für entscheidende Fortschritte in der Therapie des Hodgkin-Lymphoms. Dazu zählt die Etablierung des von Diehl 1994 entwickelten BEACOPP-Schemas für fortgeschrittene Stadien, die Beschreibung des Stellenwertes der Stammzelltransplantation sowie die Entwicklung immuntherapeutischer Verfahren.

Im Jahr 1983 erhielt Diehl einen Ruf nach Köln. Dort wurde er Direktor der Medizinischen Klinik I und Lehrstuhlinhaber für Innere Medizin. Seine Abteilung am Kölner Universitätsklinikum baute er zu einem weltweit führenden Hodgkin-Zentrum auf. Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) initiierte er ein wissenschaftliches Verbundprojekt zu malignen Lymphomen. Ab 1996 war er Sprecher des DFG-Sonderforschungsbereiches „Molekulare Mechanismen der Pathogenese, Diagnose und Therapie des Morbus Hodgkin und ähnlicher Erkrankungen“. Neben seiner Tätigkeit als Leiter der Deutschen Hodgkin- Studiengruppe fungierte er ab 1999 als Sprecher des Kompetenznetzes Maligne Lymphome, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Diehl hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Überlebensraten beim Hodgkin-Lymphom in den letzten Jahrzehnten von unter 50 auf über 90 Prozent gesteigert werden konnten. 2003 – nach 20 Jahren Tätigkeit in Köln – trat er in den Ruhestand. Allerdings blieb er auch danach den von ihm angestoßenen Themen eng verbunden. Von 1987 bis 2010 war er Präsident des „International Symposium on Hodgkin’s Lymphoma“. Als Gründungsdirektor des neu etablierten Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen in Heidelberg war er von 2004 bis 2005 tätig.

Neben seiner Arbeit als Kliniker und Forscher engagierte sich Diehl auch in Fachgesellschaften und anderen Gremien. 1998/99 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Von 1995 bis 2001 hatte er das Amt des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie inne. Außerdem übernahm er die Funktion des Präsidenten der Deutschen und Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie. Er war auch Mitglied des Senats der Helmholtz-Gemeinschaft, des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer (BÄK) und des Ausschusses für ethische und medizinisch-juristische Grundsatzfragen der BÄK. Als deutscher Delegierter saß er viele Jahre im „Cancer Expert Committee“ der Europäischen Union.

Wie anerkannt und hoch geschätzt Diehl in der nationalen und internationalen Forscherszene war, zeigt sich unter anderem darin, dass er nicht nur in der wohl renommiertesten medizinischen Fachzeitschrift, dem New England Journal of Medicine (NEJM), publizierte, sondern 1994 in das Herausgeberkollegium des NEJM berufen wurde – wie auch in das vieler anderer Fachzeitschriften. Von 2003 bis 2005 war er darüber hinaus Mitglied des Publication Committee der American Society of Clinical Oncology.

Für seinen unermüdlichen Einsatz erhielt er zahlreiche nationale und internationale Ehrungen. Beispielhaft genannt seien hier der Wallace H. Coulter Award for Lifetime Achievement in Hematology und die Auszeichnung „Pioneer in Hematology“ der American Society of Hematology, die höchste Ehrung dieser Fachgesellschaft, der Karl-Musshoff-Prize, die Ernst-Jung-Medaille für Medizin in Gold, der Deutsche Krebshilfe-Preis, die Gustav-von-Bergmann-Medaille, der Hamilton Fairley Award der European Society for Medical Oncology, der José Carreras Award, die Ludwig-Heilmeyer-Medaille in Gold, der Johann-Georg-Zimmermann-Forschungspreis und der Deutsche Krebspreis. Außerdem wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet. Er ist Ehrenvorsitzender der Deutschen Hodgkin-Studiengruppe. Des Weiteren wurde er zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, der Ungarischen Gesellschaft für Hämatologie und Bluttransfusionen, der Europäischen Gesellschaft für therapeutische Radiologie und Onkologie sowie der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau ernannt. Die Universitäten Heidelberg und Athen, Griechenland, verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Ehrenamtlich engagierte sich Diehl viele Jahre als Gründer und Vorsitzender des Vereins LebensWert. Er initiierte den Bau des Hauses „LebensWert“ auf dem Campus der Universität in Köln. Dort werden Krebspatienten durch Psychoonkologie, Bewegungs-, Kunst-, und Musiktherapie während und nach der onkologischen Behandlung auf ihrem Weg zurück in einen lebenswerten Alltag unterstützt. Die Initiative war ein Modell für die integrative Krebsbehandlung an vielen anderen Standorten in Deutschland. Die Onkologie ist für Diehl kein Fach wie jedes andere. „Die Onkologie ist eine Herzensangelegenheit“, sagt er.

Volker Diehl ist ein Mediziner von Weltrang. Auch nach seiner Emeritierung ist und bleibt er der „Mr. Hodgkin‘s Disease“. Als gefragter Experte hält er auf Kongressen und Veranstaltungen weltweit mindestens zehn Vorträge im Jahr. Dem Rheinland hat der 76-Jährige mittlerweile den Rücken gekehrt und lebt mit seiner Ehefrau Antje in Hohen Neuendorf bei Berlin. Das Ehepaar hat drei Kinder und drei Enkel. In seiner Freizeit spielt Diehl gerne Geige, Tennis und Golf und fährt Ski.

117. Deutscher Ärztetag in Düsseldorf, 27. Mai 2014
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident