Forschungspreis 2013 zur Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus

Berlin, 15.11.2013

Auch wenn die Mitschuld der Ärzte an den Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte wissenschaftlich untersucht  wurde, ist die Rolle der Ärzteschaft im Dritten Reich bei weitem noch nicht ausreichend aufgearbeitet worden. Deshalb verleihen die Bundesärztekammer (BÄK), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und das Bundesgesundheitsministerium (BMG) nunmehr zum vierten Mal den mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Forschungspreis für wissenschaftliche Arbeiten zur Geschichte der Ärzte während der NS-Diktatur.

Die Jury, die sich aus Vertretern des Zentralrats der Juden in Deutschland, des Bundesverbandes Jüdischer Ärzte und Psychologen in Deutschland, der BÄK und der KBV sowie einem vom BMG benannten Vertreter zusammensetzt, vergab zwei Hauptpreise und zwei Sonderpreise. Sie würdigte ausdrücklich die ausgezeichnete Qualität der eingereichten Arbeiten und deren weitgefächerte Themen- sowie Methodenvielfalt, die ein breites Spektrum von der Alltags- bis zur Institutionengeschichte abdecke.

So widmet sich die mit dem diesjährigen Forschungspreis ausgezeichnete Dissertation von Dr. Karl-Werner Ratschko der Rolle der Medizinischen Fakultät in Kiel während der NS-Zeit. Die Stärke der wissenschaftlichen Untersuchung sei die detailgenaue Beschreibung, wie eine Fakultät von nationalsozialistischer Propaganda durchdrungen und zu deren Instrument wurde. Die Arbeit besäße einen hohen Multiplikationsfaktor, andere Hochschulen zu inspirieren, ihre Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls aufzuarbeiten, so die Jury.

Neben der Dissertation von Dr. Ratschko wurden drei weitere Arbeiten ausgezeichnet. Bei dem von Matthis Krischel, (Friedrich Moll, Julia Bellmann, Albrecht Scholz (†), Dirk Schultheis) vorgelegten Doppelband zur Fachgeschichte der Urologie in Deutschland und Österreich im Nationalsozialismus hob die Jury die Mischung aus biographischen Kurzdarstellungen und exemplarischen Lebensbildern von Opfern und Tätern hervor. Zudem sei der Versuch unternommen worden, die Entwicklung des Fachs Urologie und Medizin des Nationalsozialismus zusammenzubringen. Ziel sei es gewesen, die Auswirkungen von Vertreibung, Emigration, Anpassung und Selbstindienstnahme mit Fokus auf die den nationalsozialistischen Interessen angepasste Schwerpunktsetzung des Fachgebietes, wie Eugenik und Sterilisation, zu beschreiben.

Dr. Ruth Jacob erhielt für ihre Arbeit über jüdische Ärzte in Schöneberg einen Sonderpreis der Jury. Die von ihr konzipierte Wanderausstellung dokumentiere anhand eines bestimmten Stadtviertels, eine „Topographie der Vertreibung“, die auch andere Städte dazu motivieren sollte, eine historische Aufarbeitung ihres Medizinalwesens in der Zeit des Nationalsozialismus zu beginnen. Der zweite Sonderpreis ging an Sigrid Falkenstein (unter Mitarbeit von Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider), die in ihrer monografischen Arbeit den Spuren der im Zuge der T-4 Aktion ermordeten Anna folgt. Die Jury lobt die als Briefroman konzipierte Arbeit als originell, da sie die Konsequenzen geistiger Behinderung in der Zeit des Nationalsozialismus nachzeichne.

Besondere Erwähnung der Jury fanden zudem zwei Forschungsarbeiten wegen ihrer interessanten Themensetzung. Die Dissertation von Dr. Katrin Günther über die Behandlung von Soldaten und Zivilisten in der Marburger Universitäts-Nervenklinik ziele auf den sozialhistorischen Hintergrund und die Rekonstruktion von Diagnose, Therapie sowie Umgang mit Patienten im Alltag unter Kriegsbedingungen. Ebenfalls bemerkenswert fand die Jury die Auftragsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Die Untersuchung habe sich intensiv mit deren Präsidenten in der Zeit von 1933 bis 1945 auseinandergesetzt und habe bewiesen, dass ein Aufarbeitungsprozess der eigenen Fachgesellschaft mit ihrer Geschichte im Nationalsozialismus weiterhin eine wichtige Aufgabe sei, um gegen das Vergessen und eine Verharmlosung der Taten der Akteure anzutreten.