Bayern 20.10.2017

Bayern: Diskrepanz zwischen Behandlungsbedarf und -kapazitäten

München/Rosenheim - Einen steten Aufwärtstrend weist die Ärztestatistik der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) auf: Genau 82.774 Ärztinnen und Ärzte waren zum Stichtag 1. Oktober 2017 in Bayern gemeldet – ein neuer Höchststand. „Der zunehmende Trend zur ärztlichen Tätigkeit in Anstellung und in Teilzeit, zu größeren Kooperationen oder Netzen, verbunden mit dem de-mografischen Wandel und dem technologischen Fortschritt, verändern die Versorgungslandschaft und damit die Patientenversorgung“, charakterisiert BLÄK-Präsident Dr. Max Kaplan vor dem 76. Bayerischen Ärztetag in Rosenheim die Situation. „Prima vista“ sehe es gut aus: Um 2,2 Prozent hat sich die Zahl der bei der BLÄK gemeldeten Ärzte im vergangenen Berichts-jahr erhöht. Das sind genau 1.757 Ärztinnen und Ärzte mehr als noch im Vorjahr. Damit waren zum Stichtag 1. Oktober im gesamten Freistaat 62.534 Ärztinnen und Ärzte tätig. Dennoch: „Wer nur die leicht steigenden Arztzahlen in Bayern betrachtet, verschließt die Augen vor·der Realität. Tatsächlich tut sich eine Diskrepanz zwischen Behandlungsbedarf und -kapazitäten immer weiter auf“, so der BLÄK-Präsident. „Schon heute klaffen bei der ärztlichen Versorgung in vielen Regionen und Fachgebieten Lücken; nicht nur bei den Hausärzten auf dem Land.“ So fehle es bspw. an Kinderärzten in einigen Stadtteilen der Metropolregionen München oder Nürnberg aber auch an weiteren Fachärzten. „Der demografische Wandel ist nicht allein ein Thema auf Patientenseite, altert doch auch die Ärzte-schaft in Bayern mit“, mahnt Kaplan. „Fast jeder vierte Niedergelassene und jeder dritte Hausarzt wird vermutlich in den kommenden fünf Jahren seine Praxis zusperren.“ Die Zahl der unter 35-Jährigen berufstätigen Ärzte ist 2016/17 zwar erstmals wieder leicht gestiegen – allerdings gerade einmal um 210 Ärzte (plus 1,9 Prozent). Gleichzeitig gab es aber einen größe-ren Zuwachs in der Altersgruppe 60-Plus: Hier waren 542 Ärztinnen und Ärzte mehr tätig als im Vorjahr (plus 4,5 Prozent).

Anstellung in Praxen boomt
Das stärkste Phänomen betrifft die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich, die unaufhörlich wächst. Mit einem Plus von 11,7 Prozent auf 6.340 Ärztinnen und Ärzte hat sie im vergangenen Jahr wieder einen neuen Rekord erreicht. So hat sich die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte in den Praxen seit 2007 (2.087) mehr als verdreifacht. Die Zahl der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sank hingegen erneut leicht; und zwar um 0,8 Prozent auf 20.510 (Vorjahr: 20.673). Den Boom bei den angestellten Ärztinnen und Ärzten in Praxen gelte es genau zu be-obachten, denn keinesfalls dürfe die Entwicklung dahin führen, dass freie Vertragsarztsitze von Krankenkassen oder Klinikkonzernen aufgekauft würden und die Ärzte dort angestellt tätig seien. „Vertragsarztsitze gehören in die Hand von uns Ärztinnen und Ärzten; das ist ganz entscheidend für unsere Versorgungslandschaft, für die Qualität der Patientenversorgung und unser Selbstverständnis“, ist Kaplan überzeugt.

Funktionierende Notfallversorgung
In diesem Zusammenhang sei auch die Notfallversorgung ein Topthema. „In der Notfallversorgung ist eine sektorenübergreifende, koordinierte Ver-sorgung notwendig, um eine bestmögliche Versorgung von medizinischen Notfällen gewährleisten zu können“, forderte Kaplan. Notwendig sei eine intensive Kooperation zwischen den Notaufnahmen in Kliniken und den vertragsärztlichen Versorgungsstrukturen. Darüber hinaus bedürfe es eines verbesserten Ausbaus der Kooperation mit den Arztnotrufzentralen, den Leitstellen und Fahrdiensten. Notfall- beziehungsweise Bereitschaftspraxen sollten an den dafür geeigneten Kliniken als Anlaufstellen geschaffen wer-den. Im Rahmen des vertragsärztlichen Bereitschaftsdienstes könnten Patienten dort ambulant versorgt und bei Bedarf an die stationären Notaufnahmen weitergeleitet werden. „Wir haben in Bayern für die Notfallversor-gung einen vernünftigen Weg angedacht, den man konsequent weiterentwickeln und ausbauen sollte. Eine zusätzliche Institution, wie das vom Sachverständigenrat angedachte ‚Integrierte Notfallzentrum‘, erübrigt sich“, betonte der Präsident. Notwendig seien vielmehr eindeutige und für die Patienten erkennbare Strukturen und eine entsprechende Informationsoffensive mit dem Hinweis, dass die meisten Notfälle in der Regelversorgung behandelt werden. Außerhalb der Sprechzeiten sei der vertragsärztliche Bereitschaftsdienst organisiert. „Ein zentraler Telefondienst als erste Kontaktstelle, der unter ärztlicher Aufsicht steht, ist dabei absolut sinnvoll“, unterstrich der Präsident.

Zunehmende Arbeitsbelastung in Krankenhäusern
Ein weiteres Beispiel für die Diskrepanz zwischen Behandlungsbedarf und -kapazitäten sei die Situation in den Krankenhäusern. „In Krankenhäusern nimmt die Arbeitsverdichtung aufgrund kürzerer Verweilzeiten stetig zu. Dazu kommen immer mehr diagnostische und therapeutische Möglich-keiten, eine steigende Zahl polymorbider Patienten, unbesetzte Arztstellen im Krankenhaus sowie mehr Ärztinnen und Ärzte, die in Teilzeit tätig sind“, erklärte Kaplan. Hinzu kämen Probleme in der Kommunikation aufgrund einer steigenden Anzahl von Ärzten, die nicht über ausreichende Deutsch-kenntnisse verfügten. So hätten die in den Kliniken tätigen Ärzte oftmals nicht mehr ausreichend Zeit für die Patientenversorgung. Hier müsse die Politik gegensteuern. Auch leide die Qualität der ärztlichen Weiterbildung in den Kliniken, weil die Weiterbildungsbefugten sich nicht mehr ausreichend um die sich in Weiterbildung befindlichen Assistenzärzte kümmern könnten. „Wir brauchen mehr Ärzte auch im stationären Bereich, wenn wir die qualitativ hochwertige Patientenversorgung weiterhin gewährleisten wollen“, forderte Kaplan. Bei den Deutschkenntnissen habe die BLÄK bereits gegengesteuert. Seit dem 1. April 2017 führt die BLÄK im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung Sprachtests auf dem Sprachniveau C1 durch. „Da-mit leisten wir einen wichtigen Beitrag zu einer besseren Kommunikation zwischen Patient und Arzt“, sagte Kaplan. Weiteres Verbesserungspotenzial sieht Kaplan auch bei den beruflichen Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel in der Schaffung von neuen Beschäftigungsmodellen, also der Möglichkeit von Teilzeitstellen, Jobsharing-Modellen und flexiblen Betreuungsangeboten.

Kooperationen angesagt
„Die Verknappung der ‚Ressource Arzt‘ ist ein allgegenwärtiger Trend“, konstatiert Kaplan und nennt gleichzeitig zwei Lösungsansätze: „Mehr Ko-operationen sind angesagt – interdisziplinär, interprofessionell und sekto-renübergreifend und eine Erhöhung der Medizinstudienplätze um mindes-tens zehn Prozent.“ Für die langfristige Sicherstellung der medizinischen Versorgung seien Bund und Länder aufgefordert, die Studienplatzkapazitä-ten auszubauen und ausreichend zu finanzieren. „Es ist ein Unding, dass wir fünf Bewerber auf einen Medizinstudienplatz haben, Aspiranten lange Wartezeiten in Kauf nehmen oder in andere Gesundheitsfachberufe, die sich sukzessive akademisieren, abwandern und wir gleichzeitig zu wenig Ärztinnen und Ärzte in der Patientenversorgung haben.“

Zu den kooperativen Versorgungsformen sagte der Präsident: „Wir unterstützen die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen und eben-so deren (Teil-)Akademisierung bei klaren Verantwortlichkeiten. Professio-nalisierung heißt jedoch nicht Akademisierung um jeden Preis“, ist Kaplan überzeugt. Erfolgversprechend seien insbesondere die Förderung der interprofessionellen Kooperation auf der Basis vorhandener Kompetenzen und die Integration unterschiedlicher beruflicher Kompetenzen in einem multiprofessionellen Team. Um den Anforderungen gerecht zu werden, müsse sich die Zusammenarbeit zwischen Disziplinen und Sektoren grundsätzlich verbessern. Der Arztvorbehalt für die Diagnose- und Indikationsstellung, die Therapieentscheidungen und die Gesamtverantwortung im Rahmen des Behandlungsprozesses seien jedoch unverzichtbar, gerade bei immer komplexer werdenden Versorgungsprozessen und -strukturen sowie aus Gründen der Qualität und der Patientensicherheit. „Die Gesellschaft steht vor einer Grundsatzentscheidung: Erhalt des bewährten Gesundheitssystems mit dem Arzt als Garanten für Qualität und Patientensicherheit oder Aufteilung der Heilkundeausübung und der Schaffung von Parallelstrukturen mit den damit verbundenen Risiken für die Patienten“, gab Kaplan abschließend zu Bedenken.

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