Substitutionstherapie07.09.2021

Reinhardt: Suchtmedizin braucht ganzheitlichen Behandlungsansatz

Die Substitutionsbehandlung erleichtert opiatabhängigen Menschen den Weg zurück in ein normales Leben. Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt im Gespräch mit BÄKground über mögliche Ansätze, die Versorgungslage in Deutschland zu verbessern:

Herr Dr. Reinhardt, in Großstädten wie Berlin und Frankfurt gehören Schwerpunktpraxen oder Schwerpunktsprechstunden für suchtkranke Menschen mittlerweile zum Versorgungsalltag. In ländlichen Gebieten gibt es das aufgrund der langen Wege kaum. Wo ist aus Ihrer Sicht die Versorgung in Deutschland besonders verbesserungsbedürftig?

Die Substitutionsversorgung muss vor allem in einigen ländlichen Gebieten Bayerns und Baden-Württembergs sowie in den grenznahen Gebieten des Saarlands und Rheinland-Pfalz wie auch in den östlichen Bundesländern ausgebaut werden.

Denn Versorgungslücken begünstigen eine Abwanderung Opiatabhängiger in Richtung Großstädte, wo es die angesprochenen Schwerpunktpraxen eher gibt als auf dem Land. Das aber verhindert eine gute Reintegration in der Herkunftsregion und kann zur Verfestigung des Einzelnen in der Szene (der größeren Städte) beitragen. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Ein Viertel der Substitutionspraxen versorgt inzwischen über 50 Patienten. Das bedeutet, dass 14 Prozent der rund 2 500 substituierenden Ärztinnen und Ärzte die Hälfte aller Substitutionspatienten versorgen.

Welche Möglichkeiten gibt es, um die Substitutionsversorgung in Deutschland zu verbessern und substituierende Ärzte zu unterstützen?

Drogenberatungsstellen bieten in der Regel auch die psychosoziale Betreuung an. Wenn also künftig weitere Einrichtungen des Gesundheitswesens in die Versorgung der Opiatabhängigen einbezogen werden, würde das Praxen sicherlich entlasten. Ich denke dabei etwa an Ermächtigung von Krankenhausambulanzen oder auch den Einbezug von Gesundheitsämtern. Psychiatrische Versorgungsstrukturen sollten ebenfalls stärker eingebunden werden, zumal Psychiater im Rahmen ihrer fachärztlichen Weiterbildung suchtmedizinische Qualifikationen erwerben.

Um mehr Ärztinnen und Ärzte für diesen Versorgungszweig zu interessieren, könnten Suchtmedizin und die Substitutionsbehandlung stärker in der medizinischen Ausbildung und Weiterbildung thematisiert werden. Was meinen Sie dazu?

In den entsprechenden Fächern wird Suchtmedizin schon heute während des Studiums behandelt, was aber sicherlich noch ausbaufähig wäre. Die Substitutionsbehandlung von Opiatabhängigen als solche aber benötigt sehr spezielle Kenntnisse, die im Studium nur begrenzt vermittelt werden können. Das sollte der Weiterbildungszeit vorbehalten bleiben – vor allem in den dafür relevanten Fächern wie der Psychiatrie, der Neurologie sowie der Inneren und Allgemeinmedizin. Denn die Substitutionsbehandlung von Opioidabhängigen ist weit mehr als eine Art Ersatztherapie auf Arzneimittelbasis.

Sollte die Vergütung für die Substitutionsbehandlung attraktiver gestaltet werden?

Die Substitutionsbehandlung ist keineswegs unterfinanziert. Sie erfolgt sogar außerhalb der Gesamtvergütung. Eine aktuelle Befragung von substituierenden Ärztinnen und Ärzten durch das Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat gezeigt, dass die meisten von ihnen mit der Vergütung durchaus zufrieden sind. Allerdings werde der Aufwand für ‚schwierige‘ Patienten nicht entsprechend abgebildet und auch die Honorierung für Patientengespräche sei nicht ausreichend. Hier gibt es noch Diskrepanzen zwischen den rechtlichen Vorgaben und dem, was die behandelnden Ärzte dann auch tatsächlich abrechnen können. Oder es werden falsche Anreize gesetzt, dass etwa die tägliche Vergabe des Substituts in der Praxis lukrativer ist als eine Take-home-Verordnung, die aber möglicherweise aus therapeutischer Sicht durchaus sinnvoll sein kann.