Neuartiges Coronavirus: Vorgehen bei 2019nCoV-Verdacht

Der Ausbruch des neuartigen Coronavirus hat zu Abriegelungen von Städten in China geführt. Erste Fälle in Europa sind nun ebenfalls nachgewiesen worden. Auch in Deutschland bereiten sich die Kliniken auf infizierte Patienten vor. Ärzte können sich im Verdachtsfall an ein Schema halten.

(Aus Deutsches Ärzteblatt / Jg. 117 / Heft 5 / 31. Januar 2020)

Am letzten Tag des Jahres 2019 wurde die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem Büro in China über eine Häufung von Pneumonien unklarer Genese in der chinesischen Metropole Wuhan in Kenntnis gesetzt. Seither ist die Zahl der Infizierten auf mindestens einige Tausend angestiegen. Das dafür verantwortliche neuartige Coronavirus 2019-nCoV hat inzwischen auf andere Länder in Asien übergegriffen. Auch in den USA, Canada, Australien und in Europa sind erste Fälle bestätigt worden.

Bei dem Erreger handelt es sich um ein sogenanntes Beta-Corona- Virus, das mit den Auslösern von SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) und MERS (Middle East Respiratory Syndrome) verwandt ist. Als Ursprung gilt ein inzwischen geschlossener und desinfizierter Fisch- und Geflügelmarkt in Wuhan. Eine aktuelle Arbeit vermutet eine Rekombinante aus einem Fledermaus-Coronavirus und einer vermutlich von Schlangen herrührenden Variante.

Die Symptome sind unspezifisch. Am ehesten treten Fieber und Husten auf, Atemnot, Schnupfen, Halsschmerzen, Myalgien und allgemeines Krankheitsgefühl können ebenfalls auftreten. Die Abgrenzung zu anderen respiratorischen Erkrankungen und Grippe ist dadurch nicht einfach. Eine Infektion sollte bei allen Personen vermutet werden, die aus betroffenen Regionen eingereist sind oder Kontakte zu Infizierten hatten. Die Therapie der Symptome und einer Pneumonie ist rein symptomatisch.

Die Übertragung von Mensch zu Mensch ist unstrittig. Die Inkubationszeit soll rund 10 Tage betragen (1–14 Tage). Für den Verdachtsfall hält das Robert Koch-Institut ein Schema zur Abklärung bereit. Die WHO gibt an, dass jeder Infizierte etwa 2,6 Personen anstecken kann. Ob und wie sich die Infektiosität verändern könnte – zum Beispiel zu einem Super-Spreader –, ist unklar. Die WHO schätzt  laut jüngsten Agenturmeldungen das Risiko als „sehr hoch in China, hoch in der Region und hoch auf weltweitem Niveau“ ein (bis Redaktionsschluss).

Die Letalität schwankt zwischen 3 und 4 %, die damit unter derjenigen der SARS-Epidemie von 2002 liegt. Die aus China berichteten Todesfälle litten unter schweren Grunderkrankungen. […] Wegen der Reisewelle von mehreren Hundert Millionen Menschen zum chinesischen Neujahrsfest am 25. Januar haben die dortigen Behörden alle Verkehrsverbindungen in die 11-Millionen-Metropole Wuhan und weitere betroffene Städte zunächst einmal gestoppt. Des Weiteren wurden die Ferien zum Neujahrsfest verlängert, sodass zum Beispiel Schulen weiter geschlossen bleiben können. Einige Länder wie Frankreich, Japan und die USA wollen ihre Staatsbürger in den Botschaften aufnehmen und ausfliegen. Auch Berlin bereitet nach jüngsten Angaben eine Evakuierung von Deutschen vor.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte


Drei Fragen an Prof. Dr. med. Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Institutes:

Wie groß ist die Gefahr für die hiesige Bevölkerung?
Es ist möglich, dass einzelne infizierte Personen nach Deutschland einreisen, was sich auch mit Gesundheits-Checks an den Flughäfen wegen der Inkubationszeit nicht verhindern ließe. Wichtig ist darum, alle Reisenden aus Risikogebieten für das neue Coronavirus bei der Einreise zu informieren, auf welche möglicherweise auftretenden Symptome sie achten müssen und wie sie sich dann verhalten sollen. Diese Fälle müssen früh identifiziert werden. Das Risiko für eine Ausbreitung in der deutschen Bevölkerung
schätze ich auf Basis der verfügbaren Informationen derzeit als gering ein.  Händehygiene, Hustenetikette, Abstand sowie persönliche Schutzausrüstung für medizinisches Personal können vor respiratorisch übertragbaren Krankheiten schützen – und sind in Anbetracht der derzeitigen Grippewelle ohnehin zu empfehlen.

Wie schätzen Experten derzeit das Mutationsrisiko ein?
Das neue Coronavirus wird sich sicherlich genetisch verändern. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Übertragbarkeit oder die Krankheitsschwere zunehmen müssen. Diese Eigenschaften können sich auch abschwächen oder trotz kleinerer Mutationen  unverändert bleiben, wie es auch bei den verwandten SARS- oder MERS-Coronaviren war.

Was ist Ihre schlimmste Befürchtung?
Da habe ich gleich zwei: Angst und Ignoranz. Beides ist in der jetzigen Situation  unangebracht. Mit Aufmerksamkeit, Wissen und Verantwortung ist es möglich,  Übertragungen zu vermeiden und den Ausbruch einzudämmen.