Gleichschaltung und Ärzteprozess in Nürnberg

aus (Dtsch Arztebl 2012; 109(22-23): A-1134 / B-974 / C-966)

Autor Dr. Thomas Gerst

[...] Nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 und zeitgleich mit der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 23. März erzwangen die Vertreter des NS-Ärztebundes bei einem Treffen mit den Spitzen von Ärztevereinsbund und Hartmannbund in Nürnberg die Gleichschaltung der ärztlichen Organisationen. Zum „Kommissar der beiden Spitzenverbände“ wurde Gerhard Wagner, der Leiter des NS-Ärztebundes, bestimmt.

Viel Zwang war allerdings nicht nötig gewesen. Bereits am 22. März gab es vom Vorsitzenden des Ärztevereins- und Hartmannbundes, Alfons Stauder, der in Nürnberg lebte, ein Ergebenheitstelegramm an Adolf Hitler. Das Treffen in Nürnberg am 23. und 24. März fand statt im Lehrerhaus, Teil des Hotels „Deutscher Hof“, wo Hitler gerne residierte. Ein Teilnehmer erinnerte sich später: „Man begab sich in einen Sitzungssaal, in dem Geheimrat Stauder . . . der Dinge harrte, die da kommen sollten. Von einer aufgeregten Auseinandersetzung oder auch nur von unfreundlichen Worten war gar nichts zu hören, und Geheimrat Stauder zeigte sich ohne weiteres bereit, die Führung in die neuen politisch beauftragten Hände zu geben.“

Andererseits gingen die Nationalsozialisten auf Nummer sicher. SA-Einheiten standen vor dem Lehrerhaus bereit, um gegebenenfalls den Druck auf die alte Führung der Ärzteschaft erhöhen zu können. Denn auch „der revolutionäre Weg der Niederreißung der alten ärztlichen Organisationen“ sei nach Hitlers Machtergreifung eine Option gewesen, fasste der neue Reichsärzteführer Wagner Anfang April 1933 die Ereignisse zusammen. Man habe sich aber für den Weg, „sich kollegialiter zu einigen“, entschieden. Die Geschlossenheit und Einheit des Standes hätten nicht ohne Not preisgegeben werden dürfen.

Preisgegeben wurden jedoch diejenigen Ärzte, die der neuen Führung nicht genehm waren. Auf Grundlage der Nürnberger Vereinbarung erging die Aufforderung an die Ärztevereine, „jüdische und solche Kollegen, die sich der neuen Ordnung innerlich nicht anschließen könnten, zur Niederlegung ihrer Ämter in Vorständen und Ausschüssen zu veranlassen“ – der erste Schritt auf dem Weg zur Ausgrenzung bis hin zur physischen Vernichtung der ehemaligen Kollegen.

Der Nürnberger Ärzteprozess, der in der Zeit vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. August 1947 stattfand, war als Abrechnung mit führenden Vertretern der nationalsozialistischen Ärzteschaft gedacht. Als erster der zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse gegen NS-Verantwortliche fand der Prozess im Nürnberger Justizpalast vor einem amerikanischen Militärgericht statt. Die Auswahl der Angeklagten war in gewisser Weise willkürlich, waren doch einige verantwortliche Ärzte bereits in Prozessen zuvor verurteilt worden oder hatten Suizid begangen. So hatte sich Reichsärzteführer Leonardo Conti, Nachfolger von Gerhard Wagner, am 6. Oktober 1945 in seiner Gefängniszelle in Nürnberg erhängt. Als sein Stellvertreter in der Führung der Reichsärztekammer wurde Kurt Blome in Nürnberg angeklagt. Als führender Vertreter des NS-Gesundheitswesens stand der Arzt Karl Brandt vor dem Nürnberger Tribunal. Brandt war von Hitler mit Erlass vom 5. September 1943 zum Leiter des gesamten medizinischen Vorrats- und Versorgungswesens und Koordinator der medizinischen Forschung ernannt worden. Auf der Anklagebank in Nürnberg saßen insgesamt 20 Ärzte sowie ein Jurist und zwei Verwaltungsfachleute als Organisatoren von Medizinverbrechen.

Beispielhaft für die Medizinverbrechen des Nationalsozialismus wurden im Nürnberger Ärzteprozess unfreiwillige Menschenversuche, die Tötung von Häftlingen für die Anlage einer Skelettsammlung (August Hirt) und die Krankenmorde der Aktion T4 behandelt. Von den 23 Angeklagten wurden am 20. August 1947 sieben zum Tode verurteilt, fünf zu lebenslangen Haftstrafen und vier zu Haftstrafen zwischen zehn und 20 Jahren. Sieben Angeklagte wurden freigesprochen. [...]