Baden-Württemberg11.11.2019

Baden-Württemberg: Kassenärztliche Vereinigung und Landesärztekammer fordern Nationale Arzneimittelreserve

Stuttgart - Die Spitzen der Ärzteschaft in Baden-Württemberg fordern Maßnahmen, um Lieferengpässen bei Arzneimitteln entgegenzuwirken.

Der Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg Dr. Wolfgang Miller zeigte sich unzufrieden mit der aktuellen Situation. „Es ist nicht zu vermitteln, dass ein Land wie Deutschland nicht in der Lage ist, eine adäquate Versorgung mit Arzneimitteln zu gewährleisten. Die Menschen in Deutschland und die Unternehmen bezahlen einen hohen Beitrag ins Gesundheitssystem, da dürfen sie auch ein entsprechendes Versorgungsniveau erwarten. Uns bereitet es Sorge, dass wir heute in einem so elementaren Bereich von ausländischen Produktions-Standorten abhängig sind. Wir wollen uns nicht ausmalen, was passieren würde, wenn die derzeit zu beobachtenden „Handelskriege“ im Bereich Medikamente z.B. bei Antibiotika und Medikamenten der Krebsbehandlung, in denen eine hohe Importabhängigkeit herrscht ausgetragen würden.“ 

KVBW-Chef Dr. Norbert Metke erinnerte daran, dass das Problem seit Jahren bekannt ist. „Regelmäßig jedes Jahr wird beklagt, dass z.B. Grippeimpfstoffe und jetzt zunehmend Medikamente der Basisversorgung von vielen Patienten nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen. Als KVBW haben wir das zum Anlass genommen und unsere Mitglieder befragt, wie sie die Situation einschätzen. Und zwar unabhängig von Impfstoffen. Die Ergebnisse sind eindeutig: Viele Arzneimittel sind nicht ausreichend und zeitgerecht verfügbar, und die Versorgung ist eingeschränkt. Das bezieht sich auf Medikamente aus unterschiedlichen Bereichen, etwa für die Behandlung von Diabetes, Krebserkrankungen, Allergien u-v-a-m.“ Für seinen Stellvertreter Dr. Johannes Fechner ist klar: „Wir brauchen eine sichere Lieferkette mit Arzneimitteln, um die Versorgung der Patienten leisten zu können.“ Und Kammerpräsident Dr. Miller ergänzt: „Neben dem Schutz von Patientinnen und Patienten geht es uns auch um die Stringenz gesundheitspolitischer Entscheidungen: Es käme doch einem Schildbürgerstreich gleich, wenn Deutschland die Impfpflicht einführt, während gleichzeitig die dafür notwendigen Impfstoffe fehlen.“

Die Vorstände fordern daher eine Nationale Arzneimittelreserve, wie sie auch der Arzneimittelexperte der CDU-Bundestagsfraktion Michael Hennrich ins Gespräch gebracht hat. „Die Versorgung mit Arzneimitteln muss endlich als relevant für die Basisversorgung der Bevölkerung anerkannt werden, ähnlich wie Gas oder Erdöl,“ fordert Miller. Fechner betont: „Die Arzneimittelhersteller, die sich zu einem wesentlichen Teil aus den Mitteln des Gesundheitswesens finanzieren, müssen verpflichtet sein, einen bestimmten Kreis an Arzneimitteln für eine bestimmte Zeit für die nationale Versorgung vorzuhalten.“ Die Landesärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung sehen zudem alle am Gesundheitswesen Beteiligten in der Pflicht: „Welche Medikamente in welchem Umfang vorgehalten werden müssen, sollten künftig von Ärztinnen und Ärzten, den Apothekern und der Politik gemeinsam mit Kostenträgern und Pharmaunternehmen festgelegt werden.“

Hintergrund:
Aktuell listet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Lieferengpässe bei 274 Humanarzneimitteln (ohne Impfstoffe) auf:
lieferengpass.bfarm.de/ords/f:
 

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