Bayern26.10.2018

Bayern: Digitalisierung - Chancen und Herausforderungen

München/Nürnberg - Die Informations- und Kommunikationstechnologie ist für Dr. Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) eine der herausragenden Technologien des 21. Jahrhunderts. „Sie gilt es im Gesundheitswesen strukturiert und mit Bedacht zu nutzen, um für Ärzte und Patienten gleichermaßen mehr Behandlungssicherheit und einen schnelleren Informationsaustausch zu bekommen“. Dafür brauche es die Einführung einer Telematikinfrastruktur für den sicheren und direkten Datenaustausch medizinischer Informationen zwischen Ärzten und Kliniken, die gesetzlich verankert werden müsse. Vor wenigen Tagen haben sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), der GKV-Spitzenverband und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) auf Standards für die elektronische Patientenakte (ePA) geeinigt. In einem sogenannten „Letter of Intent“ wurde festgelegt, dass als gemeinsame Perspektive der „ePA-Architektur“ das „gematik-Modell“ nach § 291a des Sozialgesetzbuch V (SGB V) gelte. „Wohin führt uns die Digitalisierung?“, fragt Quitterer am 77. Bayerischen
Ärztetag. „Führen wir oder werden wir geführt? Wie können wir angesichts von Algorithmen, BIG Data, elektronischer Patienten- und Gesundheitsakte, der ungeheuren Datenflut Herr werden?“ Es gelte, einer drohenden Entpersonalisierung der Arzt-Patienten-Beziehung sowie einer Ökonomisierung im Gesundheitswesen entgegenzuwirken und auch ethische Grundsätze zu definieren, wie die digitalisierte Medizin die Versorgungsansprüche der Patienten darstellen könne.

Fernbehandlung erfordert Änderung der Berufsordnung

Zusätzliche ärztliche Angebote werde der Patient künftig über die „ausschließliche Fernbehandlung“ auch in Bayern erhalten. Dazu plant der 77. Bayerische Ärztetag in einem Antrag folgende Änderung der Berufsordnung (BO): „Ärzte beraten und behandeln Patienten im persönlichen Kontakt. Sie können dabei Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen. Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und der Patient auch über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt wird.“ [§ 4 (4) – BO]. „Bei allen Chancen, die diese neue Form der Behandlung bietet, muss der Goldstandard nach wie vor der persönliche Arzt- Patienten-Kontakt sein. Die Ärztinnen und Ärzte werden in der realen Versorgung gebraucht, nicht hinter dem Bildschirm“, so Quitterer. Auch werde die Fernbehandlung den erhöhten Versorgungsbedarf, insbesondere auf dem Land und vor allem im hausärztlichen Bereich, nicht decken. Aber auch bei den niedergelassenen Fachärzten und in den Kliniken fehlten zunehmend Ärztinnen und Ärzte. Dabei könne es nicht sein, auf Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland zu setzen. Quitterer: „Zum einen stehen sie vor der Herausforderung von Gleichwertigkeits-, Fachsprachenund Kenntnisprüfungen, zum anderen entziehen wir sie der medizinischen Versorgung in ihren Heimatländern.“

Mehr Medizinstudienplätze

„Wir brauchen dringend mehr Studienplätze für Medizin in Deutschland: Ich möchte beispielsweise eine Medizinische Fakultät in Passau“, argumentiert Quitterer „Die Zugangsbedingungen zum Medizinstudium müssen grundlegend reformiert werden. Keine Erschwerniszulagen und Frondienste. Keine unbezahlten Praktika. Die Profession Arzt kann nicht durch ‚Physician Assistant‘ oder andere Gesundheitsberufe ersetzt werden. Die Ausbildung muss universitär bleiben. Um für die Patienten auch zukünftig eine qualitativ hochwertige und wohnortnahe Versorgung sicherzustellen, dürfen wir nicht nachlassen, noch mehr Nachwuchsmediziner für den Arztberuf zu begeistern“, sagt der Präsident. Stärkung der Freiberuflichkeit und der ärztlichen Selbstverwaltung Unnötige Regulierungen und Eingriffe in die ärztliche Berufsausübung sieht Quitterer beim Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das kürzlich im Bundeskabinett gebilligt worden war und noch 2018 in Bundestag und Bundesrat beraten werden soll. Neben positiven Aspekten in diesem Gesetz komme beispielsweise mit der Forderung nach mehr Sprechstunden „Misstrauen und fehlende Wertschätzung“ bei den Ärzten an. „Diese Regulierungen sind Eingriffe nicht nur in bestehende Verträge, sondern auch in die Freiberuflichkeit des Arztes“, so Quitterer. Die ärztliche Selbstverwaltung werde ihre Belange, Berufsordnung (BO), ärztliche Weiterbildung und Fortbildung, auch in Zukunft selbst gestalten. Am 77. Bayerischen Ärztetag steht darüber hinaus noch eine Reihe von BO-Änderungen auf der Tagesordnung. Sie befassen sich mit der Wahrung
ärztlicher Unabhängigkeit bei Festlegung medizinischer Standards (Leitlinien), bei ärztlichen Studien und im Rahmen ärztlicher Fortbildung.

Klimawandel und Gesundheit

Bayerns Ärztechef abschließend: „Jenseits der genannten Themen müssen wir uns mit den Auswirkungen des Klimawandels auf den Menschen, auf unser aller Gesundheit, beschäftigen. In diesem Zusammenhang stellen wir uns die grundsätzliche Frage nach dem Umgang mit unserem Wohlergehen, den Ressourcen und der gegenseitigen Wertschätzung.“

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