Hamburg14.12.2018

Hamburg: Sprechen Sie Tigrinya?

Hamburg -Hamburgische Bürgerschaft ermöglicht geflüchteten Menschen sprachliche Verständigung in der ambulanten Gesundheitsversorgung: Mittel zur Weiterfinanzierung des SprachmittlerInnenpools für psychotherapeutisch-psychiatrische Versorgung und für medizinische Versorgung von behinderten Geflüchteten wurden im Haushalt 2019/2020 bereitgestellt
In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die vor 70 Jahren von den Vereinigten Nationen verabschiedet wurde, ist in Artikel 26 das Recht auf gesundheitliche Versorgung deklariert. Wie aber kann man in Deutschland fachgerechte medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es keine/n BehandlerIn gibt, die/der beispielsweise Tigrinya spricht und so geflüchteten Menschen aus Eritrea helfen kann?

Hamburg hat als erstes Bundesland eine Antwort auf diese Frage gefunden. Die 5.000 ambulant tätigen ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen in Hamburg können kostenlos auf qualifizierte SprachmittlerInnen zurückgreifen, so dass psychisch erkrankten wie auch behinderten Geflüchteten ein Zugang zur gesundheitlichen Regelversorgung ermöglicht wird.
Nach einer ersten evaluierten Modellphase werden beiden Teilprojekte („Hamburger Sprachmittlerpool für die ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung“ & „Hamburger Sprachmittlerpool für Menschen mit Behinderung) von der Hamburgischen Bürgerschaft für weitere 1,5 Jahre finanziell unterstützt.

Dr. Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg: „Es ist bundesweit einmalig, dass eine bislang stark benachteiligte Gruppe im Gesundheitssystem Zugang zur Regelversorgung erhält. Dies ist ein wichtiger Anfang, den wir sehr begrüßen. Denn ohne qualifizierte und finanzierte Sprachmittlung ist qualifizierte medizinische Versorgung kaum zu leisten. Wir brauchen für alle PatientInnen Sprachmittlung in der Regelversorgung!“

Dipl.-Psych. Heike Peper, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hamburg: „Menschen, die psychisch erkrankt sind, benötigen in der psychotherapeutischen Behandlung die Sprache, die ihnen am vertrautesten ist. Da es nur sehr wenige PsychotherapeutInnen gibt, die geflüchtete Menschen in ihrer Muttersprache behandeln können, ist der Einsatz qualifizierter SprachmittlerInnen unerlässlich. Dass die SprachmittlerInnen im geförderten Projekt regelmäßig Supervision erhalten, finde ich sehr wichtig.“

Kristin Alheit, Geschäftsführende Vorständin des PARITÄTISCHEN Wohlfahrtsverbands Hamburg: „Die Teilhabe an der gesundheitlichen Versorgung ist ein elementares Menschenrecht, auch für Menschen, die mit der Sprache der Mehrheitsgesellschaft nicht vertraut sind. Ich bin sehr froh, dass dieses Grundrecht nun auch für einen Teil der nicht deutschsprachigen Menschen in Hamburg gilt.“

Axel Graßmann, Geschäftsführer Landesverband Lebenshilfe Hamburg: „Wir sind sehr erleichtert, dass es jetzt möglich ist, geflüchtete Menschen mit Behinderung bei Arztbesuchen und Kontakten zu Beratungsstellen durch einen qualifizierten Sprachmittler zu unterstützen. Diese Menschen werden nun in die Lage versetzt, ihre eigenen gesundheitlichen Bedarfe vorzutragen und Antworten verstehen zu können. Die qualifizierte Unterstützung in der Kommunikation ist ein wesentlicher Schritt zur Teilhabe und Integration Geflüchteter mit Behinderung“.

Dr. Mike Mösko, Vorsitzender von SEGEMI e.V.: „Wir sind sehr erfreut, das fundamentale Problem der Finanzierung von Sprachmittlung bei der Behandlung nicht deutschsprachiger PatientInnen zumindest temporär gelöst zu haben. Nun gilt es, noch mehr, ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen für die Arbeit mit professionellen SprachmittlerInnen zu motivieren. Angesichts einer leistungsorientierteren Versorgung und Vergütung erscheint die Arbeit mit SprachmittlerInnen als wenig attraktiv. Wir hoffen sehr, dass wir dieses Spannungsfeld entzerren und KollegInnen zur Arbeit zu Dritt motivieren können.

www.aerztekammer-hamburg.de