Hessen24.01.2020

Hessen: Krankenhausärzte am Limit: „Vor den Missständen nicht länger die Augen verschließen“ 

Belastende Arbeitsbedingungen an deutschen Krankenhäusern gefährden Gesundheit junger Ärztinnen und Ärzte

Frankfurt - „Vor diesen Missständen, auf die die Ärzteschaft seit Jahren hinweist, können die Verantwortlichen nicht länger die Augen verschließen“, kommentiert der Präsident der Landesärztekammer Hessen Dr. med. Edgar Pinkowski die Ergebnisse einer aktuellen Studie aus dem Bundesgesundheitsblatt 1/2020 zu den Arbeitsbedingungen und dem Gesundheitszustand junger Ärztinnen und Ärzte und Pflegender an deutschen Krankenhäusern. 

Die von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) in Zusammenarbeit mit zahlreichen medizinischen Berufsverbänden und Fachgesellschaften bundesweit durchgeführte anonyme Querschnittserhebung zeigt auf, wie die an den deutschen Kliniken herrschenden Arbeitsbedingungen die Gesundheit junger Klinikärzte unter 35 Jahren – und damit auch ihrer Patienten – maßgeblich gefährden. Die Studie attestiert den Kliniken mit der Kommerzialisierung einhergehende „ungünstige Arbeitsbedingungen“, die zu enormer psychosozialer Arbeitsbelastung – bis hin zu Depression, Burn-out und Suchterkrankung – führen. Als die größten Belastungsfaktoren identifizierten die befragten Ärztinnen und Ärzte lange Arbeitszeiten durch Arbeitsverdichtung (71%) sowie belastenden Dokumentationsaufwand, Aggressionen vonseiten der Patienten sowie die allgemein sinkende Versorgungsqualität. 

„Der Grund für diese Fehlentwicklungen ist der große wirtschaftliche Druck, dem die Kliniken ausgesetzt sind“, erklärt Pinkowski. So müssen Krankenhäuser mit Patienten Geld erwirtschaften. Hierfür unterliegen sie einem komplizierten, streng kontrollierten Fallpauschalen-System. Danach wird nicht der tatsächliche Aufwand einer Klinik, sondern ein statistischer Durchschnittswert für eine sogenannte Fallgruppe bezahlt. Eigentlich sollen diese Gelder die laufenden Kosten decken. Da allerdings  die Länder für die Investitionen zuständig sind – Stichwort duale Finanzierung – und die Mittel deutlich unter Bedarf gedeckt werden, sind viele Krankenhäuser gezwungen, das aus den Fallpauschalen erwirtschaftete Geld auch in Geräte und Gebäude zu investieren. „Dies geht in der Regel zu Lasten der Patienten, weil die Arbeit der Krankenhausärzte immer weiter verdichtet und die Zeit für Patienten immer knapper wird.“ 

Um eine Gefährdung von Ärzten wie ihren Patienten schnellstmöglich zu minimieren, schließt sich Pinkowski den Forderungen der BGW an, aktuelle Rahmenbedingungen, die adäquate Patientenversorgung erschweren, rasch anzupassen. „Konkret rufe ich alle Parteien – Arbeit- wie Gesetzgeber – dazu auf, Ärztinnen und Ärzte von der Fülle administrativer Tätigkeiten zu entlasten und auf die Einhaltung von Arbeitszeit- sowie Teilzeitarbeitsregelungen ohne Ausnahme zu achten“, sagt Pinkowski. Das seien alle Verantwortlichen den bei der Patientenversorgung an erster Front stehenden Kolleginnen und Kollegen schuldig. „Patientensicherheit ist der Grundwert ärztlichen Handelns. Es ist der Spagat zwischen diesem Grundwert und den wirtschaftlichen Interessen, der Ärztinnen und Ärzten physisch wie psychisch an die Substanz geht.“ 

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