Nordrhein16.11.2018

Nordrhein: Häusliche Gewalt und Kindeswohl: Mehr Rechtssicherheit für behandelnde Ärzte

Düsseldorf -  Welche Auswirkungen haben mütterliche oder kindliche Gewalterfahrungen oder familiäre Trennungen auf die kindliche Entwicklung? Welche Spätfolgen haben kindliche Gewalterfahrungen? Welche Ansatzpunkte für die Prävention gibt es aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht? Welche rechtlichen Möglichkeiten und Vorgaben der Intervention und Kooperation wurden mit der im Februar 2018 in Deutschland in Kraft getretenen Istanbul-Konvention und dem Kinderschutzgesetz geschaffen – und was ist noch zu tun?

Diesen und weiteren Fragen gehen heute (Freitag, den 16. November) seit 10 Uhr in Düsseldorf Experten aus Medizin und Wissenschaft und der Ministerien für Gesundheit und Familie des Landes NRW auf dem Symposium „Häusliche Gewalt und Kindeswohl“ von Ärztekammer Nordrhein, Kassenärztlicher Vereinigung Nordrhein sowie der Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft nach. Mädchen und Jungen sind die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft und besonders schutzbedürftig. Seelische und körperliche Schäden aller Formen von Misshandlung prägen diese Kinder häufig ein Leben lang. Aber auch Gewalterfahrungen von Müttern oder familiäre Trennungen können Folgen für die kindliche Entwicklung haben. Mütterlicher Stress kann bereits präkonzeptionell die fetale Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen und die psychische und körperliche Gesundheit im weiteren Leben beeinflussen.

2017 verzeichnete die Polizeiliche Kriminalstatistik 3.542 Fälle von Kindesmisshandlung. Dabei muss von einer hohen Dunkelziffer nicht angezeigter Straftaten ausgegangen werden, da die Tat in erster Linie in der Familie verübt wird und die Opfer noch zu klein und zu hilflos sind, um auf sich aufmerksam zu machen.

Ein umfassender und wirksamer Kinderschutz erfordert interdisziplinäre Kooperation. In Workshops werden im Haus der Ärzteschaft heute daher auch bewährte interdisziplinäre Kooperationen und Netzwerke vorgestellt. Die Geschäftsführende Ärztin der Ärztekammer Nordrhein, Professor Dr. med. Susanne Schwalen: „Ärztinnen und Ärzte nehmen eine zentrale Stellung ein, wenn es darum geht, Gewaltbelastungen bei Müttern und Kindern zu erkennen und Hilfestellung zu leisten. Ziel ärztlicher Intervention ist, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.“ Schwalen betont, dass Kinder mit Behinderung besonders vulnerabel sind: „Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Gewalt erleben, ist für Kinder mit Behinderungen fast
viermal so hoch wie für nicht behinderte Kinder. Die in der Betreuung involvierten Berufsgruppen müssen hier besonders sensibilisiert werden.“

Für Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, ist das frühzeitige Erkennen eines etwaigen Therapiebedarfs von großer Bedeutung: „Vor allem frühe Missbrauchs- und Misshandlungserfahrungen können im Erwachsenenalter zu Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Wichtig ist dann eine zügig eingeleitete und strukturierte Therapie, die auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt ist. Genau diesen Ansatz verfolgen wir mit unserem im Rheinland gestarteten Projekt zur Verbesserung der neurologisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung.“ Von dem Projekt profitieren vor allem Patienten mit hohem koordinativen Versorgungsbedarf, wie dies zum Beispiel bei komplexen Traumafolgestörungen der Fall ist, so Bergmann.

Legt man die bundesweit repräsentative Studie ‚Kinder in Deutschland – KiD 0-3‘ des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen aus den Jahren 2015 und 2016 mit mehr als 8.000 Familien zugrunde, so ist damit zu rechnen, dass etwa drei Prozent aller Kinder bis zum Alter von drei Jahren Zeuge oder Opfer häuslicher Gewalt werden. „Den bei ihnen drohenden, lebenslang anhaltenden Trauma-Folgen kann frühzeitig und wirksam begegnet werden, wenn Risikofaktoren dazu möglichst bereits mit Beginn der Schwangerschaft erkannt und frühe Interventionen zur Unterbrechung der Gewaltspirale eingeleitet werden“, sagt Dr. Wilfried Kratzsch, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft. „Die Tagung soll Wege aufzeigen, wie Früherkennung und Prävention häuslicher Gewalt verbessert werden können. Außerdem möchten wir Professionen unterschiedlicher Fachrichtungen aus Medizin, Polizei und Jugendhilfe bei gegenseitigem Respekt und Wertschätzung zusammenführen, um ein stärkeres Miteinander zu bewirken.“

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