Sachsen19.07.2021

Sachsen: Impfpflicht bleibt Ultima Ratio

Dresden - „Es ist wichtig, dass so viele Menschen geimpft werden, wie möglich. Am besten freiwillig, um ihren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Eine Impfpflicht halte ich als Ultima Ratio für das einzige Mittel, sollte auf andere Weise keine Herdenimmunität erreicht werden können.“, das betont der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, im Vorfeld des morgen stattfindenden Impfgipfels in Dresden.

„Lokangebote wie Gutscheine, Geldgeschenke, Tombolen etc. halte ich für fragwürdig – insbesondere, weil hier eher die Befriedigung des persönlichen Vorteils wieder in den Vordergrund gestellt wird. Diejenigen, die sich bereits haben impfen lassen, werden benachteiligt. Letzteres führt ganz klar zu einer Konditionierung, in Zukunft immer erst zu warten „bis es etwas gibt“. Die Erzeugung einer Impfbereitschaft auf Grund einer geplanten Urlaubsreise oder dem Besuch von Innengastronomie etc. ist dabei nicht mit den o.g. Gratifikationen zu vergleichen.

Der Ausschluss von Veranstaltungen, Innengastronomie, Kino etc. oder die vorherige Durchführung eines Tests zum Selbstkostenpreis kommt dann einer Impfpflicht gleich. Dann sollte man das auch gleich so nennen.

Letztlich muss der Gesellschaft und jedem Einzelnen klar sein, dass die Folgen der sich fortsetzenden Pandemie mit dann regelhaft „schwereren“ Wellen von allen ebenso getragen werden müssen, auch von denen, welche bereits ihren Beitrag geleistet haben. Die immensen Kosten der Pandemie und die wirtschaftlichen Folgen einer Fortsetzung werden ebenso zu massiven Auswirkungen führen. Alle bis heute aufgenommenen Kredite werden vor allem von der arbeitenden Bevölkerung in unterschiedlich hohem Maße zurückgezahlt werden müssen. Es muss jedem klar sein, dass der Mittelstand, der ebenso Millionen von Arbeitsplätzen zur Verfügung stellt, die höchsten Kosten tragen wird.

Für mich kommen ebenso die französischen und griechischen Überlegungen zu einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen nicht in Frage. Es kann nicht sein, dass Impfpflicht für zum Beispiel medizinisches Personal besteht, die übrige Bevölkerung aber ‚machen kann was sie will‘.

Das medizinische Personal hat in der Corona-Pandemie die höchste Last schon jetzt getragen. Allein die Erkrankungszahlen im Zusammenhang mit Berufstätigkeit sprechen dabei für sich.

In der Berufsgenossenschaft für Gesundheits- und Wohlfahrtspflege (BGW) sind mit Stand 01.07.2021 für ganz Deutschland 125.371 Fälle gemeldet worden. Noch konnten nicht alle wegen des hohen Aufkommens bearbeitet werden, dennoch stellen die Bereiche „Pflege“ mit 44.202 und der Bereich „Kliniken“ mit 50.251 gefolgt von dem Bereich „Humanmedizin“ mit 4.157 mit weitem Abstand die Spitzenreiter dar. Darin verbergen sich 56 Todesfälle, 535 Fälle bei denen die Behandlungskosten zwischen 1000,- und 10.000,- Euro lagen und 88 Fälle, bei denen die Behandlungskosten über 10.000,- Euro lagen. Dies spiegelt die Schwere der Fälle wider.

Gleichzeitig hat eine neue Untersuchung (n 3401) der BGW mit CVcare (Kompetenzzentrum für Epidemiologie und Versorgungsforschung in der Pflege des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf) eine hohe Impfbereitschaft unter pflegerischen Personal ermittelt (www.bgw-online.de/DE/Presse/Pressearchiv/2021/05_19_PI-BGW-und-CVcare-ermitteln-Impfbereitschaft.html). 84 % waren zum Zeitpunkt der Befragung (März/April 2021) bereits geimpft oder hatten kurzfristig vor sich impfen zu lassen. Eine Impfpflicht nur für pflegerisches Personal würde somit in’s Leere laufen.

Das im Europa- und weltweiten Vergleich relativ gute Bestehen Deutschlands in der Pandemie, ist vor allem dem Einsatz des medizinischen Personals und der gut aufgestellten medizinischen und pflegerischen Versorgung zu danken, aber ein wesentlicher und limitierender Faktor für die Belastbarkeit des Gesundheitswesens ist die hohe psychische und physische Belastung des Personals durch die Behandlung der vielen erkrankten Menschen. Ohne ‚Herdenimmunität‘ werden die zu erwartenden weiteren Wellen der Pandemie auch das deutsche Gesundheitswesen und deren Beschäftigten an den Rand der Dekompensation führen.

Deshalb ist es notwendig, dass so viele Menschen geimpft werden, wie möglich. Das Glück unserer heutigen Generationen ist der medizinisch wissenschaftliche Fortschritt, der neben der Wirtschaftskraft unseres Landes die schnelle Entwicklung von wirksamen und zugelassenen Impfstoffen möglich gemacht hat.

Freiheit auf dem Rücken einer Berufsgruppe auszuleben ist für mich eine der unsolidarischsten Handlungen einer Gesellschaft, der in individueller Not auch jegliche Hilfe zu Teil wird oder auch eingefordert wird.“

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