43 Der demografische Wandel, Zunahme chronischer Erkrankungen, steigende Prävalenz psychischer Belastungen sowie zunehmende kulturelle Diversität bilden zentrale Einflussfaktoren, die das Gesundheitswesen in Deutschland vor komplexe Herausforderungen stellen und gesundheits- sowie sozialpolitische Entscheidungsprozesse mit neuen Bedarfslagen konfrontieren. Auch die Folgen globaler Krisen – wie Pandemien, geopolitische Konflikte und Klimawandel – verdeutlichen die Notwendigkeit, innerstaatliche Strukturen des Gesundheitswesens sowie gesellschaftliche Resilienzsysteme in den Fokus wissenschaftlicher und politischer Auseinandersetzung zu rücken. „Dabei ist besonders wichtig, dass die akut erforderlichen Public-Health-Maßnahmen immer auf nachhaltigen Strukturen der Gesunderhaltung aufgebaut werden müssen, akute Abwehr und Gefährdungen dürfen nicht zur Aussetzung von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention oder Gesundheitsschutz führen“, hob Prof. Dr. Ute Thyen bei der Vorstellung der Stellungnahme hervor. Insbesondere aktuelle Forderungen nach der Implementierung des „Health in all Policies“-Ansatzes unterstreichen die Notwendigkeit, gesundheitliche Belange systematisch in sämtliche Politikfelder – etwa die Bildungs-, Umwelt- oder Stadtentwicklungspolitik – zu integrieren und somit die politische Fokussierung über das klassische Verständnis von Gesundheitsversorgung hinaus auf die gesamtgesellschaftlichen Entscheidungsprozesse auszuweiten. Public-Health-System zukunftsfähig gestalten „Die in unserer Stellungnahme dargelegten wissenschaftlichen Erkenntnisse schaffen ein objektives Fundament, auf dem politische Diskussionen und Entscheidungen aufbauen können,“ stellte der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats, Prof. Dr. Michael Hallek, im Rahmen der Pressekonferenz fest. Die vom Wissenschaftlichen Beirat vorgelegte und vom Vorstand der Bundesärztekammer beschlossene Analyse in Form einer Bestandsaufnahme spiegele die Erwartung der deutschen Ärzteschaft an ein zukunftsfähiges und tragfähiges Public-Health-System in Deutschland wider. Die Bundesärztekammer bewertet es als wichtiges politisches Signal, dass Public Health im Koalitionsvertrag und in den Vorhaben der Bundesregierung ausdrücklich verankert ist. Zugleich zeigt die Stellungnahme, dass Deutschland eine übergreifende, wissenschaftlich fundierte Public-Health-Strategie benötigt, um bestehende Potenziale auszuschöpfen und Prävention, Gesundheitsförderung sowie den Öffentlichen Gesundheitsdienst nachhaltig zu stärken. „Health in all Policies“- Ansatz mitdenken Gesundheit muss im Sinne eines „Health in all Policies“-Ansatzes in allen Politikfeldern mitgedacht werden, um die Gesundheit der Bevölkerung langfristig zu verbessern. Nur wenn politische Entscheidungen in Bereichen wie Bildung, Umwelt, Arbeit, Stadtentwicklung oder Verkehr auch gesundheitliche Auswirkungen berücksichtigen, kann die Gesunderhaltung der Bevölkerung als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe gelingen. Public-Health-Forschung ist die Grundlage für die evidenzbasierte bevölkerungsbezogene Verhältnisprävention, die Stärkung der gesundheitlichen Kompetenz und Autonomie, die Steigerung der Chancengerechtigkeit und damit für eine Förderung der Gesundheit der Bevölkerung sowie der Resilienz des Versorgungssystems. Die Stärkung des Arbeits- und Forschungsfeldes Public Health insbesondere in den Bereichen Gesundheitsförderung, Prävention und Früherkennung sowie Gesundheitsschutz erfordert transparente Governance, klare Finanzierungsstrukturen, zentrale Dateninfrastrukturen und ressortübergreifendes politisches Handeln. Prävention muss gestärkt werden, insbesondere durch gesunderhaltende Gestaltung der Lebenswelten. Der evidenzbasierten Gesundheitskommunikation, der Einbindung sowie Beteiligung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und der Nutzung digitaler Daten für eine effektive Public-Health-Strategie kommt eine besonders hohe Bedeutung zu. ■
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