Ärzteschaft im Nationalsozialismus

Ärzte haben in der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur weggesehen und geschwiegen, sondern auch aktiv an der systematischen Ermordung von Kranken und sogenannten gesellschaftlichen Randgruppen mitgewirkt. Ärzte haben Tod und Leiden von Menschen herbeigeführt, angeordnet oder gnadenlos verwaltet.

Außerdem haben sich führende Vertreter der Ärzteschaft an der Vertreibung ihrer jüdischen Kolleginnen und Kollegen beteiligt. Die Ärzteschaft hat sich nach dem Krieg erst spät zu der Schuld von Ärzten im Nationalsozialismus bekannt.

Deutsche Ärztetage haben sich zwar schon bald nach dem Krieg mit der NS-Zeit beschäftigt und dabei – unter dem Eindruck der Nürnberger Prozesse – die Rolle der medizinischen Wissenschaft thematisiert.

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den von Ärzten begangenen Verbrechen und Verfehlungen hat es jedoch in den Nachkriegsjahren bis weit in die 1970er Jahre hinein nicht gegeben. Erst vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen und sozialen Wandels wurde das Thema mehr und mehr enttabuisiert.

„Die Scham wird immer bleiben; wir können die Vergangenheit niemals bewältigen. Es bleibt den Ärzten vielleicht die Gnade des Verzeihens, aber niemals das Vergessen“
(Prof. Dr. Karsten Vilmar, ehemaliger Präsident der Bundesärztekammer, auf dem 90. Deutschen Ärztetag 1987 in Karlsruhe)

Zwei Jahre später, auf dem 92. Deutschen Ärztetag 1989 in Berlin, hielt der Münsteraner Medizinhistoriker Prof. Dr. Richard Toellner ein viel beachtetes Referat über „Ärzte im Dritten Reich“. Der 99. Deutsche Ärztetag 1996 in Köln behandelte dann - 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess - die Verstrickung der Ärzteschaft in die nationalsozialistischen Verbrechen als eigenständiges Thema auf dem Ärztetag.

Auch wenn die Mitschuld der Ärzte an den Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft im Rahmen zahlreicher von der Ärzteschaft unterstützter Forschungsprojekte und Ausstellungen untersucht und dargestellt wurde, ist sie bei weitem nicht ausreichend aufgearbeitet worden.

Zusammen mit dem Bundesministerium für Gesundheit, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sowie der Bundeszahnärztekammer und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung schreibt

die Bundesärztekammer deshalb seit dem Jahr 2006 einen  Forschungspreis zur Aufarbeitung der Geschichte der Ärzte in der NS-Zeit, den „Herbert-Lewin-Preis“ aus.

Im Jahr 2011 legte die Bundesärztekammer den von einer unabhängigen Expertengruppe unter Federführung von Prof. Dr. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, erstellten Forschungsbericht „Medizin und Nationalsozialismus“ als Buch im Wallstein Verlag vor.

Diese und weitere Initiativen, wie die im Jahr 2012 vom 115. Deutschen Ärztetag gefasste Nürnberger Erklärung zur Rolle der Ärzteschaft in der NS-Zeit sowie der kontinuierliche Austausch zwischen den Vorständen der Bundesärztekammer und der israelischen Ärzteorganisation,  verdeutlichen, dass die Ärzteschaft Verantwortung übernimmt, sowohl für ihre Vergangenheit, als auch  für ihre Zukunft.

Gedenkveranstaltung

Ärzteschaft erinnert an Approbationsentzug jüdischer Ärzte in Deutschland vor 80 Jahren.

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Nürnberger Erklärung

Entschließung des 115. Deutschen Ärztetages zur Rolle der Ärzteschaft in der NS-Zeit

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Forschungspreis

„Aufarbeitung der Geschichte der Ärztinnen und Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus“

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Israelischer Ärzteverband

Historische Sitzung mit dem Vorstand der Bundesärztekammer am
27. August 2015

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Forschungsbericht Medizin und Nationalsozialismus

Der Forschungsbericht kommentiert die kaum noch überschaubare Literatur zu Medizin und Nationalsozialismus. In knappen Strichen werden die Wege der wissenschaftlichen Annäherung an diesen Themenkomplex nachgezeichnet und Meilensteine, aber auch Desiderate der Forschung benannt.

Zentrale Themen sind die NS-Gesundheitspolitik und die ihr zugrundeliegende Weltanschauung, das Gesundheitswesen und die medizinische Forschung im 'Dritten Reich', die medizinische Praxis in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs sowie der Brüche und Kontinuitäten nach 1945. Die Untersuchung schließt Österreich (nach 1938) mit ein.

Robert Jütte, Wolfgang U. Eckart,Hans-Walter Schmuhl, Winfried Süß, "Medizin und Nationalsozialismus - Bilanz und Perspektiven der Forschung"
Wallstein Verlag, 2011
ISBN-10: 3835306596, ISBN-13: 978-3835306592

Pressemitteilung: BÄK legt Forschungsbericht „Medizin und Nationalsozialismus“ vor

“Medizin und Nationalsozialismus”: Statement von Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer (1999 - 2011)

„Medizin und Nationalsozialismus”: Statement von Prof. Dr. Robert Jütte,Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart

Medizin und Nationalsozialismus: Beiträge im Deutschen Ärzteblatt

Medizingeschichte: Der tötende Handgriff von GrafeneckDtsch Arztebl 2018; 115(5): A-190 / B-166 / C-166

Medizingeschichte: Der Nürnberger ÄrzteprozessDtsch Arztebl 2017; 114(33-34): A-1524 / B-1292 / C-1264

Nürnberger Kodex: Die Folgen für die Prinzipien des ärztlichen HandelnsDtsch Arztebl 2017; 114(33-34): A-1526 / B-1294 / C-1266

Erinnerungskultur: Schwere Last und leichte SpracheDtsch Arztebl 2016; 113(19): A-924 / B-784 / C-768

NS-Zwangssterilisationen: Handeln auf Befehl des FührersDtsch Arztebl 2016; 113(10): A-420 / B-353 / C-353

Herbert-Lewin-Forschungspreis: Brüche und Kontinuitäten im BlickDtsch Arztebl 2015; 112(48): A-2034 / B-1681 / C-1629

Zweiter Weltkrieg: Mediziner auf RaubzugDtsch Arztebl 2015; 112(33-34): A-1372 / B-1154 / C-1126

Benno Hallauer (1880–1943): Deportation und VernichtungDtsch Arztebl 2015; 112(31-32): A-1335 / B-1120 / C-1083

Geschichte ärztlicher Organisationen: Blick auf die NS-VergangenheitDtsch Arztebl 2015; 112(18): A-811 / B-685 / C-661

Interview mit Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte (EBB) Alt Rehse: Ein klares Zeichen gegen Rechts setzenDtsch Arztebl 2014; 111(25): A-1134 / B-974 / C-922

Homöopathie und Nationalsozialismus: Letztendlich keine Aufwertung der HomöopathieDtsch Arztebl 2014; 111(8): A-304 /B-263 / C-251

Forschungspreis: „Aus der Vergangenheit lernen“Dtsch Arztebl 2013; 110(47): A-2256 / B-1984 / C-1922

Öffentlicher Gesundheitsdienst II: Instrument der NS-RassenpolitikDtsch Arztebl 2013; 110(20): A-976 / B-849 / C-845

Vor 80 Jahren: Ausschluss jüdischer Ärzte aus der KassenpraxisDtsch Arztebl 2013; 110(16): A-770 / B-671 / C-671

Anatomie im Nationalsozialismus: Ohne jeglichen SkrupelDtsch Arztebl 2012; 109(48): A-2413 / B-1968 / C-1925

Medizin in der NS-Zeit: „Ich bin allein auf weiter Flur“Dtsch Arztebl 2012; 109(33-34): A-1696 / B-1376 / C-1354

Bitte um Verzeihung an NS-Opfer / Gleichschaltung und Ärzteprozess in NürnbergDtsch Arztebl 2012; 109(22-23): A-1134 / B-974 / C-966

NS-„Euthanasie“: Gedenken, forschen, dokumentieren – aber wo?Dtsch Arztebl 2012; 109(1-2): A-24 / B-20 / C-20

Psychiatrie: In Pirna ging die Sonne auf . . .Dtsch Arztebl 2011; 108(38): A-1950 / B-1657 / C-1645

Medizin in der NS-Zeit: Anpassung, eine EhrenpflichtDtsch Arztebl 2011; 108(27): A-1526 / B-1292 / C-1288

Medizin in der NS-Zeit: Forschung kaum noch zu überblickenDtsch Arztebl 2011; 108(13): A-692 / B-566 / C-566

„Euthanasie“: Alte SchuldDtsch Arztebl 2011; 108(13): A-694 / B-573 / C-573

Medizingeschichte: „Trag ich bis ans Lebensende dieses Mahnmal, eine Gezeichnete“Dtsch Arztebl 2011; 108(11): A-571 / B-463 / C-463

Krankenmorde in der NS-Zeit: Das Bußritual der PsychiaterDtsch Arztebl 2011; 108(1-2): A-35 / B-27 / C-27

NS-Medizin: Die Sicht deutscher Emigrantenärzte auf die NS-„Rassenhygiene“Dtsch Arztebl 2010; 107(50): A-2494 / B-2168 / C-2124

Kinderheilkunde in der NS-Zeit: Sozialsanitäres Großprojekt – Arzt am „Volkskörper“Dtsch Arztebl 2010; 107(45): A-2226 / B-1926 / C-1894

Zeitgeschichte: Kollegenvertreibung und spätes GedenkenDtsch Arztebl 2009; 106(46): A-2294 / B-1966 / C-1916

Jüdische Ärzte in der NS-Zeit: Der große BetrugDtsch Arztebl 2006; 103(43): A-2852 / B-2479 / C-2384

Schicksale jüdischer Ärzte nach 1933: Die KV Berlin arbeitet ihre Geschichte aufDtsch Arztebl 2004; 101(47): A-3153 / B-2671 / C-2546

Geschichte der Medizin: Ärzte im NationalsozialismusDtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3264 / B-2756 / C-2561

Geschichte und Ethik der Medizin. Zwangsarbeit und Medizin im „Dritten Reich“Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2866 / B-2453 / C-2278

Edition zum Nürnberger Ärzteprozess: Ein Projekt aus der Ärzteschaft selbstDtsch Arztebl 2001; 98(15): A-956 / B-808 / C-744

1947/1997 – Bundes­ärzte­kammer im Wandel (VII): Die Reichsärztekammer im Lichte von Gesetzgebung und Rechtsprechung der Bundesrepublik DeutschlandDtsch Arztebl 1997; 94(21): A-1406 / B-1197 / C-1123

Nürnberger Kongreß: Ärztliches Handeln als ethische HerausforderungDtsch Arztebl 1996; 93(47): A-3104 / B-2404 / C-2190

Der Arzt im Nationalsozialismus: Der Weg zum Nürnberger Ärzteprozeß und die Folgerungen darausDtsch Arztebl 1996; 93(43): A-2766 / B-2352 / C-2089

Ärzte im Dritten Reich: Wortlaut des Vortrages, gehalten auf der 1. Plenarsitzung des 92. Deutschen Ärztetages in BerlinDtsch Arztebl 1989; 86(33): A-2271

Ärzte und NS-Zeit: Die Gnade des VerzeihensDtsch Arztebl 1987; 84(22): A-1541

Vollzugsmeldung: Vor 50 Jahren: Gleichschaltung im Deutschen Ärzteblatt (I)Dtsch Arztebl 1983; 80(26): A-21 

Die neuen Herren kamen über Nacht: Vor 50 Jahren: Gleichschaltung im Deutschen Ärzteblatt (II)Dtsch Arztebl 1983; 80(27-28): A-23

Die Schmutzarbeit beginnt: Vor 50 Jahren: Gleichschaltung im Deutschen Ärzteblatt (III)Dtsch Arztebl 1983; 80(29): A-16

Die verhängnisvolle Sehnsucht nach der Reichsärzteordnung: Vor 50 Jahren: Gleichschaltung im Deutschen Ärzteblatt (IV)Dtsch Arztebl 1983; 80(30-31): A-60