Klimaschutz ist Gesundheitsschutz

Klimawandel

Deutschland ist nur unzureichend für die gesundheitlichen Herausforderungen des Klimawandels gerüstet. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des aktuellen Policy Brief für Deutschland, den das internationale Forschungsprojekt „The Lancet Countdown on Health and Climate Change“ veröffentlicht hat. Der 125. Deutsche Ärztetag hat deshalb konkrete Maßnahmen zum Schutz der menschlichen Gesundheit vor den Folgen des Klimawandels eingefordert und zugleich an die Verantwortlichen im Gesundheitswesen appelliert, die notwendigen Maßnahmen zum Erreichen der Klimaneutralität des Gesundheitswesens bis zum Jahr 2030 zielstrebig, konsequent und zeitnah anzugehen.

Immer häufiger kommt es auch in Deutschland zu klimabedingten Hitzewellen, die vor allem für ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen tödlich verlaufen können. Hinzu kommen weitere Gesundheitsgefahren durch neuartige Krankheitserreger und Extremwetter. Nicht zuletzt die katastrophalen Überschwemmungen im Ahrtal und anderen Teilen Deutschlands im vergangenen Sommer führten vor Augen, welche verheerenden Auswirkungen Extremwetterereignisse haben können.

Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt stellte in seiner Eröffnungsrede zum 125. Deutschen Ärztetag klar: „Es gibt noch sehr viel zu tun. Noch immer ist nicht bei allen politischen Verantwortlichen angekommen, dass die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels keine ferne Bedrohung mehr sind. Sie sind eine weltweite Realität“. Die Gesellschaft müsse sich auf die Folgen des menschengemachten Klimawandels auch in der Gesundheitsversorgung einstellen.

Ärztetag fordert nationale Strategie für klimafreundliche Gesundheitsversorgung

In der später engagiert geführten Ärztetags-Debatte zum Thema „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ forderten die Abgeordneten eine nationale Strategie für eine klimafreundliche Gesundheitsversorgung. Der dafür notwendige Investitionsbedarf, etwa für den Bau klimaneutraler Krankenhäuser sowie für die Nutzung klimaneutral gewonnener Energie im Gesundheitsbereich, müsse in dieser Strategie zwingend berücksichtigt sein. Auch wurden die Bundesländer aufgefordert, Sonderfonds zu schaffen, aus denen Kliniken finanzielle Unterstützung für den Bau klimaschonender Infrastruktur erhalten.

Um eine Klimaneutralität des Gesundheitswesens bis 2030 zu erreichen, bedürfe es nach Ansicht des Ärztetags Klimaschutzpläne in Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens. Auch sollten Klimaschutzbeauftragte etabliert werden, die für die Umsetzung dieser Pläne zuständig sind.

„Wir dürfen vom Klimaschutz nicht nur sprechen, sondern müssen ihn auch praktizieren“, sagte PD Dr. Peter Bobbert, einer der beiden Vorsitzenden der Arbeitsgruppe „Klimawandel und Gesundheit“ der Bundesärztekammer (BÄK) auf dem Ärztetag. Auch das Gesundheitswesen trägt zur Entstehung klimaschädlicher Emissionen bei. „Wir müssen deshalb dafür sorgen, dass das Gesundheitswesen nicht zu einem Trigger des Klimawandels wird“, betonte Bobbert. Das müsse eine der vordringlichsten Aufgaben der neuen Bundesregierung sein.

„Es ist unsere ärztliche Pflicht, die Auswirkungen des Klimawandels klar zu benennen, die daraus resultierenden Gefahren für die Gesundheit aufzuzeigen und Gegenmaßnahmen einzufordern“, erklärte Dr. Gerald Quitterer, der ebenfalls Vorsitzender der Arbeitsgruppe ist. Die Ärzteschaft müsse ihren Beitrag dazu leisten, dass sich das Gesundheitswesen darauf vorbereitet, die Folgen des Klimawandels zu bewältigen. Dazu gehöre auch, sich für eine intakte Umwelt als Basis für gesunde Lebensbedingungen einzusetzen. „Denn Klimaschutz ist Gesundheitsschutz und Gesundheitsschutz ist Klimaschutz. Eines geht ohne das andere nicht“, so Quitterer.

Der Ärztetag bekräftigte zudem, dass Bund, Länder und Kommunen sowie die Einrichtungen des Gesundheitswesens in der Pflicht seien, umgehend Maßnahmen zur Gefahrenabwehr bei Hitzewellen zu intensivieren. Dazu gehöre, die für den Aufbau resilienter Strukturen notwendigen Finanzmittel bereitzustellen. Auch sollte das Wissen um die gesundheitlichen Folgen von Hitze adäquat in die Aus-, Weiter- und Fortbildung aller Gesundheitsberufe integriert werden.

Neben einem nationalen Hitzeschutzplan bedürfe es aus Sicht der Ärzteschaft konkreter Maßnahmenpläne für Kliniken, Not- und Rettungsdienste sowie Pflegeeinrichtungen zur Vorbereitung auf Extremwetterereignisse. Gesundheitseinrichtungen sollten nach dem Willen des Ärztetages an das Frühwarnsystem des Deutschen Wetterdienstes angeschlossen werden. Die Bevölkerung sollte außerdem kontinuierlich über die Intensität klimabedingter Belastungsfaktoren wie Hitze oder erhöhte Ozonwerte informiert werden.

Die Ärztetagsabgeordneten befürworteten außerdem das Ziel des BÄK-Vorstandes, die Geschäftsstelle inklusive der Gremiensitzungen sowie das Verwaltungshandeln der Bundesärztekammer bis zum Jahr 2030 klimaneutral auszugestalten.

Lancet Countdown: Zwischenbilanz zur Prävention klimabedingter Gesundheitsgefahren

Bereits im Vorfeld des Ärztetages hatte die Bundesärztekammer in ihrem Sofortprogramm zur Bundestagswahl gefordert, dass die vielfältigen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit deutlich stärker als bisher in der Klimapolitik von Bund und Ländern berücksichtigt werden müssen.

Die Bundesärztekammer erstellt seit 2019 gemeinsam mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der Berliner Universitätsklinik Charité, dem Helmholtz Zentrum München und dem Lancet Countdown den Policy Brief für Deutschland. Dieser gehört zum internationalen Forschungsprojekt „The Lancet Countdown on Health and Climate Change“, in dem weltweit 38 führende akademische Institutionen und UN-Organisationen zu den medizinischen, gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Folgen der globalen Klimakrise zusammenarbeiten.

Im Policy Brief für Deutschland 2021 wurde eine erste Zwischenbilanz gezogen, wie weit Deutschland bei der Prävention klimabedingter Gesundheitsgefahren gekommen ist. Trotz eines wachsenden Bewusstseins für den Ernst der Lage stünden konkrete Maßnahmen aus, um klimabedingte Gesundheitsrisiken zu vermeiden. So haben nur wenige Kommunen Hitzeaktionspläne umgesetzt. Auch die hohen CO2-Emissionen des Gesundheitssystems wurden in den vergangenen Jahren nur unwesentlich reduziert.


Auch in der Podcast-Folge „Klimawandel und die gesundheitlichen Folgen“ von Sprechende Medizin geht es um die Frage, welche Aufgaben und Herausforderungen jetzt angegangen werden müssen, um das Gesundheitswesen zukunftsfest auszurichten.

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