Ärzteschaft im Nationalsozialismus

„Es bleibt den Ärzten vielleicht die Gnade des Verzeihens, aber niemals das Vergessen“

(Prof. Dr. Karsten Vilmar, ehemaliger Präsident der Bundesärztekammer, auf dem 90. Deutschen Ärztetag 1987 in Karlsruhe)

Ärzte haben in der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur weggesehen und geschwiegen, sondern auch aktiv an der systematischen Ermordung von Kranken und sogenannten gesellschaftlichen Randgruppen mitgewirkt. Ärzte haben Tod und Leiden von Menschen herbeigeführt, angeordnet oder gnadenlos verwaltet. Außerdem haben sich führende Vertreter der Ärzteschaft an der Vertreibung ihrer jüdischen Kolleginnen und Kollegen beteiligt.

Die Ärzteschaft hat sich nach dem Krieg erst spät zu der Schuld von Ärzten im Nationalsozialismus bekannt. Zwar haben sich Deutsche Ärztetage schon bald nach dem Krieg mit der NS-Zeit beschäftigt und dabei – unter dem Eindruck der Nürnberger Prozesse – die Rolle der medizinischen Wissenschaft thematisiert, eine wirkliche Auseinandersetzung mit den von Ärzten begangenen Verbrechen und Verfehlungen hat es jedoch in den Nachkriegsjahren bis weit in die 1970er Jahre hinein nicht gegeben. Erst vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen und sozialen Wandels wurde das Thema mehr und mehr enttabuisiert: „Die Scham wird immer bleiben; wir können die Vergangenheit niemals bewältigen“, sagte der damalige Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Karsten Vilmar,  auf dem 90. Deutschen Ärztetag in Karlsruhe im Jahr 1987. Es bleibe den Ärzten „vielleicht die Gnade des Verzeihens, aber niemals das Vergessen“.

Zwei Jahre später, auf dem 92. Deutschen Ärztetag 1989 in Berlin, hielt der Münsteraner Medizinhistoriker Prof. Dr. Richard Toellner ein viel beachtetes Referat über „Ärzte im Dritten Reich“. Der 99. Deutsche Ärztetag 1996 in Köln behandelte dann - 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess - die Verstrickung der Ärzteschaft in die nationalsozialistischen Verbrechen als eigenständiges Thema auf dem Ärztetag.

Auch wenn die Mitschuld der Ärzte an den Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft im Rahmen zahlreicher von der Ärzteschaft unterstützter Forschungsprojekte und Ausstellungen untersucht und dargestellt wurde, ist sie bei weitem nicht ausreichend aufgearbeitet worden. Zusammen mit dem Bundesministerium für Gesundheit, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sowie der Bundeszahnärztekammer und seit kurzem auch der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung schreibt die Bundesärztekammer deshalb seit dem Jahr 2006 einen  Forschungspreis zur Aufarbeitung der Geschichte der Ärzte in der NS-Zeit, den „Herbert-Lewin-Preis“ aus. Im Jahr 2011 legte die Bundesärztekammer den von einer unabhängigen Expertengruppe unter Federführung von Prof. Dr. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, erstellten Forschungsbericht „Medizin und Nationalsozialismus“ als Buch im Wallstein Verlag vor.

Diese und weitere Initiativen, wie die im Jahr 2012 vom 115. Deutschen Ärztetag gefasste Nürnberger Erklärung zur Rolle der Ärzteschaft in der NS-Zeit sowie der kontinuierliche Austausch zwischen den Vorständen der Bundesärztekammer und der israelischen Ärzteorganisation,  verdeutlichen, dass die Ärzteschaft Verantwortung übernimmt, sowohl für ihre Vergangenheit, als auch  für ihre Zukunft.